Zwei Eingänge hat dieses Haus: Betritt man es durch das moderne Glasfoyer, wird es ein instruktiver, aber auch etwas steriler Museumsbesuch. Wählt man hingegen den zweiten, den ursprünglichen, aber meist verschlossenen Eingang, landet man direkt im Jugendstil, in jenem alten, vom belgischen Architekten Henry van de Velde im organischen Stil durchkomponierten Foyer, in dem uns ein Brunnen mit meditativem Wasserplätschern akustisch in eine Tropfsteinhöhle versetzt. Hier kann man träumend oder hellwach eintauchen in die Museumsvision einer der großartigsten Sammler moderner und avantgardistischer Kunst. Sein Name: Karl Ernst Osthaus (1874 bis 1921).

Dieses ursprüngliche Foyer, das in der nunmehrigen Besucherführung zum Zwischenstück geworden ist, verdient umso größere Aufmerksamkeit, als es die Vorhalle des ersten modernen Kunstmuseum überhaupt ist – weltweit. Hier im Entree des 1902 eingeweihten Museums wurde und wird man eingestimmt auf einen Kunstbegriff, der uns heute fernliegt und der schon damals exotisch erschien. Symbolisiert wird dieser Begriff durch die asketischen Jünglingsgestalten des berühmten Knabenbrunnens des belgischen Bildhauers George Minne.

Fünf Jünglinge, gehauen aus weißem Marmor, zeigen eine tief innerliche Haltung. Sie sind ganz Empfindsamkeit und Empfindlichkeit. Sie wirken, wie sie da im Zentrum der Halle nackt um ein Brunnenbecken knien und sich mit hageren Armen schutzsuchend selbst umfangen, bestürzend verletzlich. Der heilige Ernst seines Werks trug dem Bildhauer, als er es Ende des 19. Jahrhunderts erstmals vorstellte, auch einigen Spott ein. Ein Kritiker fand in dem von der Gotik inspirierten Bildhauerwerk "ausgedörrte Glut der Andacht, Theologie mit Osteologie gepaart".

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/​Bongarts/​Getty Images

Osthaus aber, ein vermögender Bankierssohn, stellte es als programmatischen Auftakt in die Empfangshalle, sein Museum hatte eine Mission: Als unermüdlicher Mäzen und Vermittler wollte er hier "die Schönheit wieder zur herrschenden Macht im Leben" machen. Und es gelang ihm tatsächlich, Hagen europaweit zu einem der bedeutendsten Zentren für die Reformbestrebungen vor dem Ersten Weltkrieg zu machen.

Mitten in der Provinz sollte sich nicht nur die Kunst erneuern, auch das Leben der Menschen sollte eine neue Ursprünglichkeit gewinnen. Künstler aus nah und fern holte Osthaus für dieses Gesellschaftsprojekt nach Hagen, und sie bekamen dort die Chance, sich frei von finanziellen Nöten frei zu entfalten. Für Emil Nolde war das Museum ein "Himmelszeichen im westlichen Deutschland".