"Klose", sagt Xiang Tingting. "Klose gefällt mir am besten." Die Biologin – halblange schwarze Haare und modische Hornbrille – hockt im Biergarten von Steingaden in Oberbayern. Public Viewing. Die Doktorandin hat den Bayern-Stürmer schon oft gesehen, daheim in Peking, am Gemeinschaftsfernseher ihres Wohnheims. Jetzt leuchten die deutschen Spieler auf einer Leinwand im Alpenvorland. Das 2700-Seelen-Dorf ist für einen halben Tag zum Anschauungsobjekt für chinesische Jungforscher geworden. So sieht also Deutschland aus. Als ein Tor fällt, springen Chinesen wie Bayern von den Bierbänken, ein hochgewachsener Physiker klopft einem Karohemdträger auf die breiten Schultern, eine Biologin im rosa Kleid posiert mit schwarz-rot-golden bemalten Kindern fürs Foto. Und Xiang lächelt zufrieden.

Die Nachwuchswissenschaftler sind auf Tour durch Deutschlands Forschungslandschaft, besuchen quer durch die Republik Institute und Hochschulen. Und zwischendurch: Schloss Neuschwanstein, Deutsches Museum, Hofbräuhaus und, klar, Fußball. 9000 Doktoranden hatten sich beworben, 30 wählte das Chinesisch-Deutsche Zentrum für Wissenschaftsförderung (CDZ) in Peking aus. Dessen Vizechef Zhao Miaogen sagt: "Die haben sich gefreut wie Nobelpreisträger."

Schließlich verspricht die Reise Kontakte für die Zeit nach der Doktorarbeit, Einblicke in ein Land mit exotischen Bräuchen – und nicht zuletzt die Aura versammelter Forschereminenz. Seit 2004 haben fast 200 Chinesen jene Konferenz in Lindau besucht, bei der Jungforscher auf Nobelpreisträger treffen. 15 Prozent kamen später wieder, mit Stipendien deutscher Forschungsorganisationen.

Das alljährliche Nobeltreffen am Bodensee war der Startpunkt der Tour. Xiang Tingting hörte sich dort den Vortrag von Jack Szostak (Medizinnobelpreis 2009) an, am Ende drängte sie sich an Forschern aus aller Welt vorbei zur Bühne. Während der Diskussion hatte sie schon Kommentare zu künstlichen Zellen, Membranproteinen, Signalwegen eingeworfen. Danach wollte die 27-Jährige eins noch unbedingt wissen: "Was ist wichtig für junge Forscher?" – "Freiheit", antwortete Szostak. "Folgen Sie Ihren Interessen!"

Xiangs Wangen werden immer noch rot, wenn sie davon spricht. "Ich wollte unbedingt mit Szostak reden, einer meiner Professoren hat bei ihm studiert." Stolz schwingt mit, und die Freude, irgendwie zu dieser erlauchten Szene zu gehören. 59 Preisträger waren in Lindau zu bestaunen, die meisten weit älter als das Treffen selbst – es fand zum 60. Mal statt.