Brütende Hitze im Atrium der Kunstschule von Avignon. Hier sitzt und schwitzt der Regisseur Christoph Marthaler inmitten seiner Schauspieler. Gut 200 Besucher des Theaterfestivals bombardieren ihn mit Fragen zu seinem Stück namens Papperlapapp, aufgeführt im Hof des Papstpalastes. Sie wollen wissen, was der Sinn sei, der rote Faden. Marthaler und seine Crew haben ihre Mühe, einem rationalistischen Publikum zu erläutern, dass Theater nicht argumentieren muss.

Der Schweizer ist "assoziierter Künstler" des diesjährigen Festivals, also im Dauergespräch mit den Programmchefs und seit zwei Jahren immer wieder in der Stadt, um sie zu begreifen: "Wir haben Theater für diesen Ort gemacht." Genauer gesagt, für den Palasthof mit seiner zyklopischen Wand. Der ist eine inhaltliche und eine formale Herausforderung. Das inhaltliche Problem drückt eine Zuschauerin so aus: "Sie haben ein Heiligtum der Christenheit beschmutzt!" Daraufhin Marthaler: "Dieser Palast ist eine Festung, und die Päpste waren korrupte Politiker. Das ist eine verlogene Geschichte." Weshalb sein Stück von Religion und Lüge handelt, aber weil Marthaler kein Oberlehrer ist, treten nicht die Religion und die Lüge, sondern Religiöse und Lügner auf, echte Menschen also, mithin Leidende und Liebende, die gegen Ende die Riesenwand zur Klagemauer werden lassen, anrührend beten und mit den Händen gegen die Steine klatschen – "Tapperlatapp", sagt Marthaler und lächelt in die Runde.

Den meisten Kritikern gefiel’s nicht; "Nummernrevue", hieß es abschätzig. Fragt sich nur, wieso das Leben, zumal das der Avignoneser Päpste, nicht just als Nummernrevue verstanden werden kann, mit all seinen großen und kleinen Momenten. Den Zuschauern schienen besonders die kleinen zu gefallen, vor allem der Klamauk. Das Grabtuch von Turin in der Waschmaschine, Pin-up-Fotos im Beichtstuhl, die Transsubstantiation eines Sandwichs. Die Spaßkanaille klopfte sich freilich auch dann auf die Schenkel, wenn es traurig zuging, etwa wenn Unglückliche unglücklich stürzten. Nichts zu lachen indes hat sie während der quälenden Wiederholungsszenen, mit denen Marthaler das Revueformat durchbricht.

Groß sind die religiösen Momente, ihre Verzweiflung erweicht sogar das Atheistenherz. Verstockte indes konnten in der Anbetung eines Einkaufscaddies nur Blasphemie sehen und verließen lärmend die Freilufttribüne. Sie trugen auf ihre Weise zur Akustik eines Werks bei, das Geräusch und Gespräch, Choräle und Songs, Satie und Verdi, Wagner und Bach mischt. Marthaler beherrscht die musikalische Gottesdienstmechanik, nur anstelle ihrer tiefen Demutspfeifen nutzt er in elektrischen Krach verwandelte Celloklänge, um die Tribüne mitsamt ihren 2000 Zuhörern zu erschüttern: "Es soll ihnen die Sprache verschlagen / und Hören und Sehen vergehen" (Micha 7,16).

Hinter alledem erhebt sich drohend die dunkle Palastwand. Sie und die 540 Quadratmeter messende Bühne sind das große formale Problem. Anders als sonst konnte Marthalers Bühnenbildnerin Anna Viebrock keinen Innenraum einrichten; das Einzige, womit sie die Wände dekorieren durfte, waren Klimaanlagen und Fensterverkleidungen aus PVC. "Also musste ich eine Installation bauen", sagt sie. Der hübscheste Einfall ist der Hubschrauberlandeplatz. "Wir wollten ursprünglich einen Helikopter landen lassen", behauptet Marthaler, "fanden es dann aber besser, dass alles auf eine Ankunft wartet – und niemand kommt. Was natürlich auch den Veranstaltern des Festivals gefiel." An diesem Samstag überträgt Arte die letzte Aufführung; das Stück geht nicht auf Tournee.