So einen wie ihn hat noch keine Bundesregierung gesehen: ein prominentes Fernsehgesicht, das für sie spricht. Doch in Anbetracht des medialen Überschwangs, mit dem er begrüßt wurde, soll Steffen Seibert, der neue Mann an Angela Merkels Seite, wohl nicht nur für die schwarz-gelbe Koalition sprechen – er darf sie auch gleich retten.

Dabei galt als schier unersetzlich, als heimlicher bester Mann von Schwarz-Gelb, Seiberts Vorgänger Ulrich Wilhelm. Als Wilhelm die Rückkehr zu seiner Familie, in die Münchner Heimat, ankündigte, beschwor das politisch-mediale Berlin Kommunikations- und Kompetenzlücken, die von der Spree bis an die Isar reichten. Nun wird von Seibert mehr erwartet, als ein Unersetzbarer zu leisten imstande war. Mit dem Paradox wird Seibert erst mal leben müssen. Und auch sprechen.

Nie ist ein Regierungssprecher mit einer solchen Popularität ins Amt gekommen. Der 50-Jährige gehört zu den "Anchors" des ZDF, zu jenem exklusiven Kreis von Moderatoren, die dem Zweiten ein Gesicht gegeben haben. Durch die Nachrichtensendungen heute und heute-journal ist Seibert den Deutschen ähnlich vertraut wie ihre Zimmerpflanze neben dem Fernsehapparat. Und fast genauso lieb. Im Vergleich zu anderen Markengesichtern des ZDF wie Claus Kleber oder Marietta Slomka erscheint Seibert deutlich ecken- und kantenfreier, weniger polarisierend. Er wirkt stets adrett, nett und geruchsneutral. So wie sich die Deutschen seit Neuestem ihre Nationalspieler wünschen – und immer schon ihre Nachrichtensprecher. Schließlich lassen sie die jeden Abend in ihr Wohnzimmer.

Für eine unpopuläre Regierung einen Fernseh-Sympathieträger sprechen zu lassen ist zunächst einmal ziemlich pfiffig. Als erfahrener Journalist weiß Seibert, wie man prägnant formuliert und welche drei Sätze so fernsehtauglich sind, dass sie es zur Primetime in die Nachrichten schaffen. Und das Beste daran: Wenn Seibert künftig Botschaften verkündet, werden sie sich anhören wie Fakten. Ein echter Startvorteil, ein unschätzbarer Gewinn für die Koalition. Die Menschen kennen Seibert nicht als schwarz-gelben Interessenvertreter. Sie kennen ihn als Tatsachen-Mann. "Die Regierung hat gute Arbeit geleistet." Schön für die Koalition, wenn dieser Satz künftig zum Standardrepertoire eines Mannes gehören wird, den die Leute mögen, den sie für glaubwürdig halten – und den die Aura der Neutralität umweht, seitdem er ihnen das erste Mal einen "Guten Abend" gewünscht hat.

Dass Seibert nun Seriosität und Glaubwürdigkeit vom Nachrichtengeschäft ins Politgeschehen mitnimmt, ist einer der Gründe, weshalb ZDF-Chefredakteur Peter Frey so verärgert reagiert hat. Dafür kann man durchaus Verständnis aufbringen. Frey selbst kam ins Amt, weil zuvor der hessische Ministerpräsident Roland Koch seinen Vorgänger Nikolaus Brender daraus verjagt hatte. Wilhelm, der scheidende Sprecher, wird nun Intendant des Bayerischen Rundfunks – und ihm folgt der ZDF-Mann Seibert. Die Politik durchdringt alle Kapillaren des öffentlich-rechtlichen Systems, und das ZDF lebt in Symbiose mit der Union – ein solcher Eindruck kann einem neuen ZDF-Chef nicht gefallen. Andererseits braucht die traditionelle Parteipolitik dringend geeignete Mittel und frisches Personal, um ihre Hermetik aufzubrechen. Es muss nicht gleich um die Präsidentschaft gehen. Ein Sprecherposten reicht auch. Und da ist es auch egal, warum Seibert nun die Schreibtischseite wechselt. Sei es, wie manch alter Bekannter meint, aus einem "im besten Sinne altmodischen Pflichtgefühl" heraus, sich nicht zu verweigern, wenn die Kanzlerin ruft. Sei es, wie manch einer beim ZDF behauptet, weil ihm weitere Aufstiegschancen verbaut worden seien. Sei es, wie einem der gesunde Menschenverstand sagt, dass der Mensch schlicht mal etwas anderes machen will, auch der Fernsehmensch. Dass das andere die Politik ist, sollte in Zeiten wachsender Politikverachtung zumindest Respekt hervorrufen.

Seibert, dreifacher Familienvater, geht öfter ungewöhnliche Wege. Er besuchte ein dezidiert linkes Gymnasium in Hannover – und wurde ein Wertkonservativer. Evangelisch getauft, konvertierte er als Erwachsener zum Katholizismus. Als Journalist geht er nun in die Politik, was bei seinem Lebenslauf geradezu konsequent erscheint. Die Kanzlerin kennt Seibert, seitdem er 2002 eine Veranstaltung mit ihr moderierte. Merkel, so hört man, schätzt seine rasche Auffassungsgabe, seine gewinnende Art, den souveränen Auftritt; die Chemie stimme, was das Wichtigste sei. Seibert kommt als Quereinsteiger, der den Politik-Betrieb in der Hauptstadt bestenfalls von Besuchen kennt. Als Berater der Kanzlerin – seine zweite Funktion neben der des Politikverkäufers – wird Seibert daher vorerst nur begrenzt wirken können. An den Hof Merkel wird man ohnehin nicht als solcher berufen. Den Beraterposten muss man sich dort erst erarbeiten. Auch als Promi.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio