So behutsam, wie Norbert Reissig die Mappe durch den Raum trägt und sie sanft auf den Tisch legt, den er zuvor noch mit der Handkante abgefegt hat, bleibt kein Zweifel: Ihr Inhalt muss bedeutsam sein. Vier Jahre lang hat Reissig sich nach dem Inneren dieser Mappe gesehnt. Er ist von Erfurt nach Leipzig gekommen und bewarb sich zunächst vergeblich um das, was er "den einen Traum" nennt. Um in der Stadt bleiben zu können, suchte er sich einen Job. Am Computer gestaltete er T-Shirts, wählte zwischen Vorlagen wie "I love Mom" oder "Abitur 2025", bestimmte Farbe und Größe und schickte sie zur Druckerei und von da in die Kleiderschränke seiner Kunden. Kein Jahr verging, ohne dass er sich beworben hätte. 2009 endlich die ersehnte Zusage, seit einem Jahr ist er nun Student an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB).

Seither füllt der 25-Jährige seine Mappe mit Lithografien, Holzschnitten und Radierungen. "Das hier ist meine aktuelle Arbeit, noch ist sie nicht fertig", sagt Reissig und zeigt auf das oberste Blatt. Viel ist nicht zu erkennen. "Das ist ein aufbrechender Himmel, aus dem Glasmasse auf die Erde herabfließt", sagt er und streicht über die aufgerauten Stellen des Papiers.

Mehr als 800 Bewerbungen erhält die Hochschule pro Jahr, nur 100 Studenten nimmt sie auf. Wer es geschafft hat und hier Kunst studieren darf, wird zehn Semester lang nicht einen einzigen Credit Point sammeln müssen; dabei liegt Bologna nur einen Straßenzug weiter, dort nämlich, wo Sozialwissenschaftler und Philologen der Universität Leipzig lernen. Hier in der Wächterstraße aber wird noch auf Diplom studiert. Von Dienstag an sind die neuen Abschlussarbeiten in einer Ausstellung zu sehen.

Das Bild mit dem aufbrechenden Himmel hat Norbert Reissig in der Werkstatt für Radierungen gedruckt. Sie ist so erhalten, wie sie vor mehr als 100 Jahren eingerichtet wurde: Radierpresse, Trockenhorde und Wärmeplatte, das alles wird noch heute benutzt – ein Glück, dass man vor Jahren, als viele Kunsthochschulen ihre Werkstätten auflösten, das Alte bewahrte. Reissig hat für sein unfertiges Bild Stunden in der Werkstatt verbracht, die Arbeit daran geht weiter. "Material zu fühlen und es nach eigenen Ideen zu verändern", sagt er, "das ist es, was ich unter echter künstlerischer Arbeit verstehe."

Mit Neo Rauch tut man sich seit einiger Zeit an der HGB schwer

Im Anatomiesaal der Hochschule hängt das 15 Meter lange Skelett eines Pottwals an der Decke, eine kleine naturkundliche Sensation der Kunsthochschule. 2002 machten sich Lehrende und Studenten auf den Weg ins schleswig-holsteinische Friedrichskoog, um einem verendeten Pottwal das Fleisch von den Knochen zu schaben. Heute können Studenten hier die Anatomie des Wals studieren und zeichnen.

In den achtziger Jahren saß auch Neo Rauch in diesem Saal. Mit ihm tut man sich seit einiger Zeit schwer an der Hochschule. Rauchs Bedeutung auf dem Kunstmarkt ist zwar auch dem Ansehen der HGB nützlich gewesen, zugleich aber stellte sie andere Studiengänge in den Schatten der Neuen Leipziger Schule. 2005 wurde Rauch Professor mit eigener Klasse, doch schon im vergangenen Jahr gab er seinen Lehrstuhl wieder auf. Über die Nachfolge stritten er und Rektor Joachim Brohm so heftig, dass dies in den Feuilletons tagelang ein Thema war. Dem Maler hat es nicht geschadet: Die Rauch-Retrospektive in der Münchner Pinakothek der Moderne könnte schon bald einen neuen Besucherrekord aufstellen. Im Leipziger Bildermuseum ist Gleiches längst geschehen, was die New York Times wieder einmal dazu bewogen hat, Leipzig als Reiseziel zu empfehlen.

Rauchs Nachfolger Heribert C. Ottersbach sieht seine Studenten nur alle zwei Wochen – wenn die regelmäßigen Konsultationen anstehen. Die meisten seiner Schützlinge muss Ottersbach zu Hause oder in eigenen Ateliers aufsuchen, weil die Räume in der HGB nicht für alle ausreichen.