Der Bischof von Görlitz sitzt in seinem Büro wie in einem Sandkasten. Unter ihm mäandert das Muster des hellbeigen Teppichs, und es ist kaum zu sehen, wo genau dieser in die teigfarbene Tapete übergeht. Am hellbraunen Tisch in der Mitte verlöre man irgendwann die Orientierung, strahlte da nicht an zwei Stellen etwas Farbiges von der Wand: zwei Kunstdrucke von Caravaggio, dem Lieblingsmaler von Konrad Zdarsa. Einer zeigt die Berufung des Matthäus . Der Bischof wird das Bild mitnehmen, wenn er das Bistum Görlitz im Herbst in Richtung Augsburg verlässt. Der Papst hat gerade die Berufung Zdarsas an das dortige Bistum verkündet. Viele hat das überrascht, allen voran den Bischof selbst: "Ich bin erschrocken", berichtet der 66-Jährige.

Er gilt als zurückhaltend und öffentlichkeitsscheu. Zdarsa sagt, er wisse nicht, ob er über die nötige Führungsstärke für die neue Aufgabe verfüge. Und doch wechselt er von der kleinsten Diözese Deutschlands in eine, die fast 50-mal so viele Gläubige zählt. Er geht aus der Diaspora mit vier Prozent Katholiken in kirchliches Kernland, in dem zwei Drittel der Bevölkerung katholisch sind. Vor allem: Sein Amtsvorgänger in Augsburg heißt Walter Mixa. Der war nach viel Wirbel und Vorwürfen, Geld veruntreut und Schutzbefohlene geprügelt zu haben, im April zurückgetreten.

Der Wechsel des Bischofs ist mit so vielen Gegensätzen verbunden, dass man sich fragt, ob er diese Aufgabe überhaupt bewältigen kann. Auch dies ist ja bei Matthäus zu erfahren: Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Zdarsa ruht auf einem Bürostuhl, sein Urvertrauen in die Fügung gibt ihm Gelassenheit. Und manchen Gegensatz sieht er mehr als Chance denn als Risiko. Sicher, es könne schwierig werden: wenn die Augsburger mit ihm fremdeln würden, schlicht weil er in der sozialistischen DDR aufgewachsen ist. Zdarsa, in Hainichen geboren, wechselt als erster Bischof aus einem neuen in ein altes Bundesland. "Ich denke schon, dass das eine Bedeutung hat", sagt er. "Und ich wünschte mir, dass es noch viel mehr Durchmischung gäbe in dieser Weise – auf dass diese unselige Ost-West-Trennung ihr Ende findet."

Innerdeutsche Versöhnung, das könnte ein großes Thema für den nächsten Bischof von Augsburg werden. Zuvor aber wird er dort mit vielen kleinen Streitigkeiten umgehen müssen, auch mit Folgen der Mixa-Affäre. "Ich werde mir die Dinge eine Weile anschauen, sie teilweise auch ertragen und dann Entscheidungen treffen", sagt Zdarsa. Er wird auch den zweiten Caravaggio aus seinem Büro mitnehmen, Das Abendmahl in Emmaus . Es ist die Mailänder Version des Bildes. Der Hauptunterschied zur älteren, bekannteren Variante: Die Figuren sind deutlich zurückgenommen, sie ordnen sich dem Geschehen unter. Ein Bild, ganz im Sinne des Bischofs. Cornelius Pollmer