Fröhliche Tage der Euphorie: Der Traum, der die Nation in den vergangenen Wochen einte, ist wahr geworden. Spaniens Fußballer haben sich in Südafrika durchgespielt bis zum krönenden Sieg im Finale und dabei ein neues Sommermärchen erzählt. Es ist die Geschichte einer Mannschaft, die mit ihrer ästhetischen Spielweise auch unter widrigen Umständen zum Erfolg führen kann.

Madrid und das ganze Land, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, Klassen und Alterskohorten, feierten ihre heimkehrenden campeones in geradezu rührendem Augenblicksoptimismus. Die kollektive Glückseligkeit eines Landes, das sonst in diesem Sommer wenig zu feiern hat, schien kaum enden zu wollen, die Fiesta dauerte vom Abend des Finales bis hinein in die neue Arbeitswoche. So etwas kommt eben nicht so bald wieder. Da muss das Bruttosozialprodukt schon mal warten. Es lebe der Sport, hier darf man stolz sein, ob auf Pau Gasol, den Basketball-Riesen aus Katalonien und NBA-Champion mit den Lakers, auf Rafael Nadal, das Tennis-Kraftpaket aus Mallorca und Nummer eins auf der Weltrangliste, und jetzt eben auf die selección, die "Könige der Welt", wie La Vanguardia aus Barcelona auf der Titelseite schrieb. El País aus Madrid hat diesen kollektiven Taumel schon vor dem Finale erklärt: "Der Sport ist das Lächeln Spaniens. Und das bleibt."

Aber wie lange? Spaniens öffentliches Gefühlsleben ist in diesem Sommer nicht nur vom Jubel über Iniesta, Villa, Puyol und "San Iker" Casillas geprägt. Da gibt es noch ganz andere emotionale Wellen. Am Tag vor dem WM- Finale, bei dem man auch in Barcelona mit dem übrigen Spanien massenhaft mitfieberte, hatten in der Hauptstadt Kataloniens mehr als eine Million Bürger für die Anerkennung als eigene Nation innerhalb des spanischen Staatsgefüges demonstriert. Es war die größte politische Kundgebung seit dem Ende der Franco-Diktatur Ende der siebziger Jahre. Dazu aufgerufen hatte die katalanische Mitte-links-Regierung zusammen mit der konservativ-nationalen Opposition. Der Anlass: ein Verfassungsgerichtsurteil, in dem einige Punkte im katalanischen Autonomiestatut für unwirksam erklärt worden waren – unter anderem der Passus über den Vorrang der katalanischen Sprache und die Bezeichnung des katalanischen Volkes als "Nation". Juristisch und vor allem politisch war die Richtermehrheit damit den Klägern gefolgt, der konservativen Volkspartei, für die Nation nur das ganze Königreich ist: España! Die Antwort der Demonstranten stand auf vielen Plakaten: "Som una nació" – wir sind eine Nation. Politisch präziser sollte man die Botschaft aber wohl so übersetzen: Wir sind das Volk! Dieser Konflikt entwickelt eine neue Dynamik, und im Herbst wird in Katalonien gewählt.

Doch da ist noch, um sie in der Woche des nationalen Stolzes und des nationalistischen Zorns nicht ganz zu vergessen, die Krise, die noch lange nicht ausgestanden und unverändert gefährlich ist. Die zweitägige Debatte zur "Lage der Nation" in dieser Woche bot Gelegenheit zur Ernüchterung, zur Rückkehr in die Realität und damit leider auch zur Fortsetzung der unproduktiven Konfrontation zwischen der regierenden Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) und der konservativen Volkspartei (PP), vor allem zwischen deren Vorsitzenden, Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero und PP-Chef Mariano Rajoy.

Diese Auseinandersetzung wird mit zunehmender Härte geführt, mehr im Stil des Endspiels von Johannesburg, wo viel gefoult wurde. Im Grunde prägt sie die politische Atmosphäre seit dem Wahlsieg Zapateros im März 2004. Der Regierungschef setzte in seiner ersten Amtszeit auf eine soziokulturelle Modernisierung Spaniens. Sein Reformprogramm reichte von der Ermöglichung der Homo-Ehe über die Eindämmung des kirchlichen Einflusses auf Bildungsinhalte, die verschärfte Bestrafung häuslicher Gewalt und der Legalisierung der Abtreibung bis zur Entfernung franquistischer Symbole aus dem öffentlichen Leben und zum Erinnerungsgesetz, das den Weg zur Aufarbeitung des Bürgerkriegs erleichtern soll. Für die PP lauter Tabubrüche.

Auf ökonomische Reformen hatten die regierenden Sozialisten in den vier Jahren nach der Rückkehr an die Macht weitgehend verzichtet. Dem Land ging es gut, die Haushalte hatten Überschüsse, die Warnungen vor der Immobilienblase hatten die Sozialisten so wenig ernst genommen wie ihre Vorgänger, so wenig auch wie Amerikaner und Briten die Mahnungen von Experten, die Kreditpolitik ihrer Banken stärker zu kontrollieren. Als an der Wall Street 2008 die Sicherungen durchbrannten und die Welt bebte, stand Spanien zunächst ganz gut da, seine weltweit engagierten Großbanken wirkten stabil, die Krise der regionalen Sparkassen wurde erst später entdeckt – womöglich zu spät.