Als seine Eltern sich trennten, kam der ältere Bruder zum trinkfreudigen Vater, der Vierjährige wurde seiner hysterisch ordnungswütigen Mutter zugesprochen. In deren Elternhaus wuchs er auf wie "auf dürrer Heide". Die Mutter versank in Larmoyanz und Selbstmitleid, etwas wie Zuneigung erlebte er bei der unverheirateten Tante, aber sie starb jung. Ein pedantischer Onkel erzog ihn zu Disziplin und Pünktlichkeit, die Klavierstunden beherrschte das Metronom. So wurde er Jurist, ein korrekter Beamter, belobigt für "vorzüglich gründliche Arbeiten" und "anständigen stillen Lebenswandel". Da war der Skandal, dass er in wilder Ehe gelebt hatte, schon vergessen, denn er hatte das schlichte, aber gutherzige Mädchen aus dem Volk geheiratet. Tagsüber versah er pflichteifrig seinen Dienst. Abends aber wurde er zum Künstler. Er setzte sich ans Klavier und komponierte. Erst spät hatte er entdeckt, dass Musik sich nicht in technischem Können erschöpft, dass sie vermochte, ihn "ins Reich des Unendlichen" zu entführen. Musik blieb für ihn die Kunst schlechthin, er vertauschte sogar seinen biederen Vornamen gegen den eines bewunderten Vorbilds, seine Kompositionen aber blieben epigonal.

Eine andere Kunst brachte den untadeligen Beamten zu Fall: Mit spitzem Stift hatte er Honoratioren karikiert, die einen ganzen Berufsstand beleidigt sahen. Seine Beförderung zum Gerichtsrat wurde widerrufen und er ohne Bezüge strafversetzt. Erst als er sich in bitterster Not an einen Freund mit hoch reichenden Verbindungen gewandt hatte, erhielt er einen Posten mit entsprechendem Gehalt. Aber bald beendete der Krieg die angenehme Doppelexistenz mit gut bezahlter Beamtenstelle und der Arbeit in einer musikalischen Gesellschaft. Diese hatte er mit Feuereifer betrieben, vom Ausmalen des Gebäudes mit Fresken bis zum Dirigieren. Nun weigerte er sich, der Besatzungsmacht einen Ergebenheitsschwur abzuleisten, und musste die Stadt binnen einer Woche verlassen. Nach zahllosen Fehlschlägen gab er ein Stellengesuch auf, in dem er seine Fähigkeiten anpries: Sprachen, Theaterkostüme und -dekors, Regie, musikalische Komposition, praktische Organisationstalente und so weiter. Er wurde Kapellmeister am Theater einer kleinen Residenzstadt, das bald schon bankrott machte. Wieder musste er weiterziehen, wieder holte der Krieg ihn ein. Er war jetzt fast vierzig, vorzeitig gealtert, schmächtig, von vielerlei Krankheiten geplagt – und Alkoholiker. Er flüchtete sich in den Rausch, wie er sich als Kind in den Traum geflüchtet hatte, und in das Lachen. Immer schon hatte er überall das Groteske gesehen, hatte das Bizarre im Realen seine Spottlust gereizt. So begann er neben Musikkritiken Skurrilitäten niederzuschreiben – und wurde einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Sein eigentliches Leben hatte immer erst am Abend begonnen, und mit seinen Geschichten von der Nachtseite des Lebens bereitete er den Weg für eine neue literarische Perspektive. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 28:
Doris Lessing, geboren 1919 als Doris May Taylor in Persien, wuchs seit 1924 auf einer Farm in Rhodesien auf. Sie war von 1939 bis 1943 mit Charles Wisdom und von 1945 bis 1949 mit Gottfried Lessing verheiratet. 1949 ging sie mit ihrem Sohn aus zweiter Ehe, Peter, nach England, 1950 erschien dort ihr Erstling "Afrikanische Tragödie". Seit 1952 konnte sie bereits als freie Schriftstellerin leben. 1962 erschien ihr Roman "Das Goldene Notizbuch", der sie endgültig weltberühmt machte. Nach diversen Auszeichnungen in vielen Ländern erhielt die bis heute in London lebende Doris Lessing 2007 den Nobelpreis für Literatur als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen habe" (so die Jury in ihrer Begründung)