Günter Netzer, nachdem er dreizehn Jahre lang in der ARD die großen Fußballspiele dieser Welt kommentiert, manchmal auch mit dem schönen Leuchten seiner schönen Augen verklärt hat, zieht sich vom Bildschirm zurück. Wir werden ihn vermissen. Wir werden die Lakonie vermissen, mit der er niemals mehr sagte, als der Sachverstand zu sagen hatte; wir werden die umständlichen, manchmal geradezu amtsdeutschen Formeln vermissen ("Diese Frage muss positiv beantwortet werden"); wir werden die Vorsicht vermissen, mit der er seine gleichwohl vorhandene Begeisterung dosierte; und wir werden nicht zuletzt die Weisheit vermissen, mit der er darauf beharrte, dass es am Ende niemals nur um Können, sondern um Leidenschaft, Glück, Zufall und die Erfahrung tragischen Versagens ging.

Manche hielten Netzer schließlich für langweilig. Aber inmitten des Krakeelens aufgekratzter Kleinbürger, von denen die Sportberichterstattung dominiert wird, war die Unaufgeregtheit Netzers ein kostbares Gut. Das schönste Beispiel seiner Sprödigkeit, die sich dem Eventjournalismus widersetzte, gab er zuletzt, als während der Weltmeisterschaft in Südafrika selbst der Ausstieg der deutschen Mannschaft aus dem Bus live übertragen wurde. "Tja", sagte Netzer, "so kommt man halt aus dem Bus."

Der legendäre Fußballspieler der siebziger Jahre, berühmt für seine Eigenmächtigkeiten, aber in Wahrheit wohl kaum mehr erinnert, erwies sich bei seiner Rückkehr in die Fernsehöffentlichkeit nicht als Freak oder nostalgisch gesinnter Späthippie. Als Sportkommentator trug er das noch immer lange, aber sorgfältig gescheitelte Haar über Anzug und Krawatte. Er gestikulierte nicht. Er schickte seinen besonnenen, niemals nach Brillanz strebenden Ausführungen höchstens einen kleinen, zaudernden Brummlaut voraus. Manchmal zuckte er mit dem Kopf oder wich den vorlauten Fragen des Moderators Gerhard Delling mit einer leichten Drehung aus. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er die frivole Art seines Gesprächspartners, ja dessen Lebenseinstellung aufs Tiefste ablehnte.

Und doch hatte die Kombination mit dem naseweisen Partner ihren Sinn. Die schmallippigen, manchmal kaum erkennbaren Witzchen Dellings waren wertvoll wegen der Schwermut, mit der Netzer sie quittierte. Delling hatte nicht nur die Vorlagen für Netzers Expertise zu liefern, sondern auch den spektakelnden Hintergrund, vor dem sich Netzers überlegene Askese absetzen konnte. Das Maximum des Enthusiasmus zeigte sich bei Netzer nicht in Worten, sondern in dem Aufleuchten der Augen, das allerdings beseligend sein konnte. Netzer war, in großen Fußballmomenten, selbst beseligt. Er war ein heiliger Narr dieses Spiels, aber nicht närrisch. Seine Haltung war aristokratisch; der tatsächliche soziale Hintergrund tut dabei nichts zur Sache. Aristokraten gibt es in jeder Schicht – beziehungsweise eben meistens nicht. Günter Netzer hat der Fußballleidenschaft ihr denkbar würdigstes Gesicht gegeben.