Seit Menschen der Sonne ausgesetzt sind, versuchen sie, sich deren Strahlen vom Leib zu halten. Selbst die Inuit, die Ureinwohner Grönlands, setzen sich dünne Brettchen vor das Gesicht, die nur einen schmalen Sehschlitz übrig lassen. Das sieht etwas nach Brett vorm Kopf aus, erfüllt aber seinen Zweck.

Es ließe sich viel über die Zweckmäßigkeit von Sonnenbrillen erzählen – etwa, dass es durchaus wichtig ist, welches Lichtspektrum die Gläser herausfiltern, inwiefern die Farbwahrnehmung beeinflusst wird und wie viel Streulicht seitlich ins Auge fällt. All das ist wichtig – die Sonne ist ja tückisch –, spielt aber bei der Wahl des Brillenmodells keine Rolle.

Die Brille soll heute nicht vor der Sonne schützen, sondern vor den Blicken anderer. Sie gibt uns in dieser Welt des Bilderreichtums und der ständigen Ablichtung einen winzigen Privatbereich zurück. Wer eine Sonnenbrille trägt, sieht alles, ohne sich auszuliefern. Und weil wir uns immer mehr ausgeliefert fühlen, wurden die Brillen größer und größer. Würde es noch ein wenig so weitergehen, wäre hinter den Brillengläsern bald kaum noch ein Mensch zu sehen.

Glücklicherweise ist das Wachstum gestoppt worden. Es gibt sie noch, die Riesenbrillen, aber mittlerweile haben sich auch tropfenförmige, runde und sogar kleine Modelle wieder einen Platz auf den Nasen zurückerobert. Sodass sich eine völlig neue Frage stellt: Welche Brille passt eigentlich zu mir? Schlicht lässt sich das so beantworten: Die Brille sollte immer die gegenteilige Form des Gesichtes haben. Wer ein hageres Antlitz hat, sollte diesem mit Brillengläsern Rundungen verschaffen; wer einen Kopf hat, als wäre eine Pampelmuse auf den Hals gespießt worden, tut gut daran, mit der Brille ein paar Kanten ins Gesicht zu schlagen. Wer ein langes Gesicht hat, kann es mit großen Gläsern kürzer erscheinen lassen; ein breites Gesicht dagegen sollte sich nicht hinter Riesengläsern verbergen, das sieht so aus, als hätte man Spiegeleier auf den Augen.

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Auch die Farbe der Gläser spielt eine wichtige Rolle. Es gibt wieder Brillen mit Verspiegelung und auch solche mit farbigen Gläsern. Und solche ohne Gläser. Bei Bless in Berlin gibt es eine Pilotenbrille, bei der statt Glas ein Fotoprint im Rahmen klemmt. Man guckt durch Schlitze. Nette Idee – aber die Inuit hatten sie zuerst.