Fußball und Terror – diese Paarung hat es schon früher gegeben. Regierungen haben Länderspiele zum Anlass genommen, einen Kurzkrieg anzuzetteln. Diktatoren haben Stadien in Gefängnisse verwandelt, die Taliban haben einst während der Halbzeitpausen auf dem Kabuler Spielfeld Exekutionen durchgeführt. Aufständische in Angola haben einen Mannschaftsbus beschossen. Aber keine Terrorgruppe hatte es bislang gewagt, anlässlich eines WM-Finales ein Blutbad anzurichten. Und keine militante Tugendwächtertruppe kam bislang auf den Gedanken, den Fußball überhaupt für "unmoralisch" zu erklären. Die somalische Al-Shabaab-Miliz hat genau das getan. Mit drei Bombenanschlägen tötete sie in der ugandischen Hauptstadt Kampala über 70 Menschen , die sich in einer Kneipe und in einem Club das WM-Finale ansahen. In den Wochen zuvor drohte sie in den von ihr kontrollierten Gebieten Somalias all jenen Stockhiebe an, die WM-Spiele vor dem Fernseher verfolgten, statt sich "auf den Heiligen Krieg zu konzentrieren".

Das Ende des größten Sportereignisses in Afrika markiert gleichzeitig eines der schlimmsten Attentate auf afrikanischem Boden. Es weckt Erinnerungen an die Al-Qaida-Anschläge im Jahr 1998 auf die US-Botschaften in der tansanischen Großstadt Daressalam und der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Damals starben über 200 Menschen. Die meisten waren Kenianer und Tansanier, aber Anschlagsziel waren eindeutig die USA.

Die Bomben von Kampala trafen auch Ausländer, aber sie richteten sich in erster Linie gegen Uganda. Uganda stellt die meisten Truppen für die zurzeit wohl heikelste internationale Militärmission auf der Welt: Ausgestattet mit UN-Mandat und unter dem Kommando der Afrikanischen Union (AU), unterstützen ugandische Soldaten eine moderatere islamische Übergangsregierung in Somalia gegen al-Shabaab und andere radikale Milizen. Genauer gesagt: Sie halten in diesem Dauerkrieg ein militärisches Gleichgewicht. Das könnte in naher Zukunft zuungunsten der al-Shabaab kippen. Erstens hat die ugandische Regierung die Entsendung weiterer Soldaten nach Mogadischu angekündigt. Zweitens bildet die ugandische Armee derzeit im Auftrag der EU somalisches Militär aus. Mit dem Anschlag wollte al-Shabaab offenbar erreichen, was die Taliban in Afghanistan mit gezielten Angriffen auf die Bundeswehr versuchen: die jeweilige Öffentlichkeit der Truppensteller gegen die Intervention aufzubringen.

Die Zerstörungskraft und mediale Wirkung solcher Attentate verleiten schnell zur militärischen Überschätzung der Täter und zum Ruf nach "kompromissloser Vergeltung" ohne allzu viel Rücksicht auf Prinzipien und Verluste. Das geschah im Fall von al-Qaida nach dem 11. September 2001 – mit den bekannten Folgen. Das könnte jetzt mit al-Shabaab passieren – und verheerende Konsequenzen für die Zivilbevölkerung nach sich ziehen.

Die Schariagerichte garantierten ein Minimum an Stabilität

An der Stärke von al-Shabaab darf man durchaus zweifeln. Wie die Taliban in Afghanistan ist auch al-Shabaab ein heterogener Zusammenschluss mehrerer Fraktionen. Wie die Taliban hängt die somalische Miliz von einem gewissen Rückhalt in der Bevölkerung ab. Den hatte al-Shabaab vor einigen Jahren. Nicht weil die Somalier mit Tugendterror sympathisieren. Sondern weil äthiopische Truppen 2006 die "Islamischen Gerichtshöfe" aus Mogadischu vertrieben hatten. In den Augen vieler Somalier stand dieses schariagestützte Regime nach Jahren blutiger Klankämpfe für ein Minimum an Stabilität und Sicherheit. Nach Ansicht der äthiopischen Regierung und ihres Unterstützers USA boten die Gerichtshöfe ein Sprungbrett für al-Qaida.

Damals galten Shabaab-Milizionäre in Mogadischu als Widerständler gegen verhasste äthiopische Besatzer. Nach deren Abzug füllten sie schnell das Machtvakuum und fanden einen neuen Feind: die machtlose Übergangsregierung, die von der internationalen Gemeinschaft gestützt wird. Sowie die ausländischen Peace-Keeper, die sie schützen und bei Angriffen auf Shabaab-Stellungen immer wieder auch Zivilisten treffen. Auch dieser Frontverlauf kommt einem aus Afghanistan bekannt vor.

Nun hat sich die Miliz in den vergangenen Monaten durch interne Machtkämpfe einige Blößen gegeben. Verschiedene Fraktionen bombardieren sich gegenseitig, einheimische Kämpfer zerstreiten sich mit ausländischen Dschihadisten. Und mit ihren Selbstmordattentaten im Land, mit Amputationen, Auspeitschungen, Steinigungen, mit ihrem Hass gegen Frauen und Fußball (welch eine Kombination!) bot al-Shabaab in den vergangenen Monaten kaum noch das Bild eines Verteidigers gegen "Ausländer" und "Ungläubige", sondern das eines fanatischen Männerbunds, der seine Allmacht durch Tugendterror demonstriert.