Privatheit ist ein hohes Gut – aber hat sie einen Preis, der sich in Euro und Cent ausdrücken lässt? Traditionell wird die Privatsphäre als Rückzugsort eines Bürgers vor dem Staat und der Öffentlichkeit verstanden – und damit manchmal auch vor Nachbarn und Freunden. Es ist der persönliche Freiraum, geschützt von vielen Gesetzen.

Doch mit dem Erfolg von Sozialen Netzwerken wie Facebook und StudiVZ , durch Suchmaschinen wie Google und Bing und andere Werbenetzwerke im Internet wird heute vieles, was gemeinhin der Privatsphäre zugerechnet wird und in politischen Kategorien betrachtet wird, in den Raum des Ökonomischen gesogen.

Fotos, elektronische Nachrichten und Briefe, Informationen über Hobbys und persönliche Netzwerke sind ein begehrter Rohstoff für Konzerne geworden. Einige von ihnen gehören an den Börsen inzwischen zu den wertvollsten der Welt. Mal werden die Daten selbst gehandelt. Mal bieten Internetunternehmen die Dienstleistung an, Reklame zielgenau an Menschen zu verschicken, die sich für die beworbenen Produkte interessieren könnten. Sie haben sich nämlich früher für ähnliche Dinge interessiert. Das ist inzwischen weithin bekannt. Zwischen diesen Unternehmen gelten die üblichen Regeln von Angebot und Nachfrage.

Anders liegt der Fall beim Verhältnis des einzelnen Bürgers und Verbrauchers zu den Daten sammelnden Unternehmen. In den Anfängen des Internetzeitalters ging der US-amerikanische Ökonom Hal Varian noch davon aus, dass es ausreichen würde, wenn der Verbraucher seine privaten Daten als Eigentum begreifen würde – das er veräußern könnte. Dann könnte ein Markt entstehen, dann würden sich Preise bilden und damit ein Gleichgewicht zwischen Verbraucher und Produzenten. Varian arbeitet inzwischen als Chef-Ökonom für den Internetkonzern Google, und ob er seine Meinung geändert hat, ist nicht bekannt.

Ökonomische Studien zeigen allerdings, dass ein Bewusstseinswandel wie ihn Varian als erstrebenswert einstufte, nicht stattgefunden hat. Der Einzelne begreift seine privaten E-Mails oder Fotos eben nicht als normales Eigentum und geldwertes Gut. Belege dafür liefert wieder eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (Unwillingness to Pay for Privacy: A Field Experiment) . Darin sollte einer Gruppe von Kunden zwischen zwei gleich strukturierten Onlineshops wählen, bei denen man DVDs leihen konnte. Die Forscher boten zunächst die DVDs des einen Onlineshops zu einem geringeren Preis an, verlangten dafür aber mehr persönliche Daten. Das Ergebnis: Fast alle entschieden sich für das Produkt mit dem geringeren Preis. Eine zweite Versuchsanordnung bestätigt die Vermutung, dass private Daten für die Teilnehmer dabei überhaupt keinen ökonomischen Wert besaßen. Als die Preise für die DVDs in beiden Online-Shops gleich hoch angesetzt wurden, kam es zu einer annähernd gleichwertigen Verteilung auf beide Onlinehändler. Die Probanden behandelten ihre Daten also nicht wie etwas, das einen Gegenwert in Euro besitzt.

Der Bundesinnenminister will nun auf diese Erkenntnisse reagieren, indem er, ohne es so zu nennen, die Eigentumsrechte der Bürger an ihren persönlichen Daten stärkt. In einer Grundsatzrede vor einigen Wochen kündigte er an, er wolle die "informationelle Selbstbestimmung stärken", indem er unter anderem sicherstellen wolle, dass man die Möglichkeit habe, rasch zwischen verschiedenen Internetangeboten "zu wechseln und die Daten mitzunehmen". Thomas de Maizière spricht von "Verfügungsgewalt" über seine Daten.

Wenn man so will, denkt er in den Kategorien des Tauschhandels, der rückgängig zu machen sein muss. Das käme dem Verhalten der meisten Nutzer entgegen und würde tatsächlich einige aktuelle Probleme lösen, so etwa bei einem Wechsel von einem Sozialen Netzwerk zum anderen. Darüber hinaus müsste der Einzelne dann noch das Recht bekommen, bei allen Daten sammelnden Unternehmen einzusehen, was dort gerade gespeichert ist. Auch das ist eine Voraussetzung, um Verfügungsgewalt auszuüben – und auf dieser Grundlage würde sich über die Jahre der Tauschhandel vielleicht zu einem Markt entwickeln, in dem eine Währung eingesetzt wird. Heute sind wir davon weit entfernt.