Hier ein Milliardenvertrag, dort ein neuer Kontakt – zwei Tage tourte die Bundeskanzlerin mit einem Dutzend Unternehmensführer im Schlepptau durch das boomende China , und am Ende waren alle zufrieden. Um einen echten Aufschwung zu sehen, hätte die Truppe allerdings nicht erst so weit verreisen müssen. Deutschland erlebt derzeit sein eigenes Wirtschaftswunder – und die Konsequenzen sind weitreichender, als bislang vermutet.

Um 36 Prozent liegen die Auftragseingänge in der Industrie seit ihrem Tiefpunkt im Februar 2009 im Plus. Die Autobranche, der noch vor wenigen Monaten eine jahrelange Stagnation vorausgesagt wurde, fährt Sonderschichten, um die Nachfrage zu bedienen. Das Bruttoinlandsprodukt ist nach Berechnungen von Berliner Ministerialen allein im zweiten Quartal um gut eineinhalb Prozent gewachsen und dürfte im Gesamtjahr um mehr als zwei Prozent zulegen. Das hat Folgen für den Arbeitsmarkt: In den Betrieben wird die Kurzarbeit zurückgefahren, am Ende könnte Deutschland ohne nennenswerte Jobverluste durch die schwerste Krise der Nachkriegszeit gekommen sein. 2011, so prognostiziert Carsten-Patrick Meier vom Wirtschaftsforschungsinstitut Kiel Economics, könnte die Zahl der Arbeitslosen unter die Marke von drei Millionen fallen.

Von der besseren Konjunktur profitiert auch das Kreditgewerbe – und damit wird eines der größten Risiken für die Wirtschaft etwas entschärft. In den Tresoren der Banken liegen zwar noch jede Menge Schrottpapiere, das Gros der europäischen Institute aber hat die Stresstests der EU bestanden. Die Aufseher haben 91 Häuser einer Belastungsprobe unterzogen, und nur bei einer Handvoll gibt es Probleme – in Deutschland ist die Hypo Real Estate betroffen , und dort ist die Abwicklung der Problemkredite bereits im Gange.

Dabei waren die Tests nicht ohne, auch wenn einige Experten sie als zu lasch kritisiert haben: Die Banken mussten berechnen, wie sich ihre Bilanzen entwickeln würden, wenn die Wirtschaft erneut in eine Rezession fiele und die Kurse der südeuropäischen Staatsanleihen wieder in die Tiefe rauschten. Im schlimmsten der drei Szenarien wird unterstellt, dass die Wirtschaft der EU in diesem Jahr um zwei Prozent schrumpfe.

Europas Kreditinstitute sind offensichtlich besser in Schuss als gedacht, als insbesondere viele ausländische Analysten vermutet hatten. "Das Ausmaß der Skepsis hinsichtlich der Bankbilanzen erscheint nicht gerechtfertigt", heißt es in einer Analyse der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs. Das liegt vor allem daran, dass die Banken ihre Kapitalpuffer über höhere Gewinne und die Ausgabe von Anteilsscheinen auffüllen konnten. Das Verhältnis des Eigenkapitals der Euro-Banken zu ihrem Geschäftsvolumen ist in den vergangenen zwölf Monaten von 6,4 auf 7,4 Prozent gestiegen – und liegt damit wieder auf einem Niveau, wie es vor dem Kreditboom in Europa üblich war.

Dazu kommt: Weil die befürchtete große Insolvenzwelle bei Unternehmen und Haushalten ausgeblieben ist, so ein hochrangiger Bankenaufseher, hielten sich die Kreditausfälle in Grenzen. Die nach Berechnungen der Europäischen Zentralbank noch zu erwartenden Abschreibungen auf faule Kredite in Höhe von 295 Milliarden Euro in den kommenden beiden Jahren gelten als verkraftbar.

Voraussetzung ist indes, dass die Banken auch ohne irrwitzige Spekulation wieder Geld verdienen können. In Deutschland ist das bisher nur schwer möglich. Es gibt zu viele Banken, und alle Versuche, die Branche am Reißbrett neu zu ordnen, scheiterten am Widerstand der Lobbyisten des Geldgewerbes und einflussreicher Länderfürsten, die um ihre Landesbanken kämpfen.

Nun vollzieht sich geräuschlos und allmählich doch so etwas wie eine Marktbereinigung. Die Deutsche Bank hat Sal. Oppenheim geschluckt und dürfte bald auch die Postbank übernehmen, die Dresdner Bank gibt es nicht mehr. Die WestLB hat ihre Problemkredite in eine Abwicklungsgesellschaft ausgelagert, in Aufsichtskreisen wird erwartet, dass sie über kurz oder lang ebenfalls vom Markt verschwindet. Die Bundesregierung peilt an, ihren Aktienanteil an der Commerzbank bis zum Ende der Legislaturperiode wieder zu veräußern. Die Devisenmärkte jedenfalls haben ihr Urteil bereits gefällt: Deutschland und Europa sind wieder in. Der Euro hat seine Schwächephase überwunden.