DIE ZEIT: Herr Bonfadelli, wie hat sich das Leseverhalten im deutschsprachigen Raum verändert?

Heinz Bonfadelli: Die Trends sind nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Was sicherlich abgenommen hat, ist die Zahl der Bücher pro Jahr, die gelesen werden, aber auch die Anzahl Bücher in den Haushalten. Zudem nimmt das Lesen in kleineren Portionen zu. Auf der anderen Seite ist die Anzahl der Vielleser recht stabil geblieben. Man muss aber auch zwischen den Genres unterscheiden. Beim Sach- und Fachbuch gibt es überhaupt keinen Rückgang, bei Romanen einen leichten. Gleichzeitig wird heute natürlich viel mehr am Bildschirm gelesen, wovon allerdings Romane wenig profitieren.

ZEIT: Das heißt, die Menge der Leseakte steigt in Wahrheit?

Bonfadelli: Ja, die Menge der Leseakte überhaupt zeigt eine steigende Tendenz. Wir leben in einer Informations- und Wissensgesellschaft, und Informationen sind fast immer schriftvermittelt, nicht zuletzt auch im Internet.

ZEIT: Warum starren wir dann immer so gebannt auf das Buchlesen, als hinge unser Heil allein an diesem Medium?

Bonfadelli: Das hat sicher etwas mit den involvierten Akteuren zu tun, den Verlagen, Buchhändlern und Autoren, die in Konkurrenz stehen zu den neuen Medien. Bei jeder Frankfurter Buchmesse wird über die Zukunft des elektronischen Buchs spekuliert. Dabei spielt es für den Lesenden keine Rolle, ob er beziehungsweise sie am Bildschirm liest oder in einem klassischen Buch blättert. Aber wenn ich die Zahlen für die Printlektüre von 2008 nehme, dann haben wir in Deutschland nach wie vor etwa 35 Prozent Vielleser, die mehr oder weniger täglich zu Fach- oder Sachbüchern oder zu Belletristik greifen, das ist etwa ähnlich verteilt. Auf der anderen Seite liegt der Anteil der Nichtleser etwa bei 25 Prozent. Diese Zahlen sind relativ stabil geblieben. Gleichzeitig ist jedoch die Lektüre am Bildschirm sehr stark gestiegen. Aber Untersuchungen wie die der Stiftung Lesen zum Leseverhalten in Deutschland von 2008 fragen nach Büchern, die in der Freizeit gelesen werden.

ZEIT: Sind Sie besorgt um das Leseverhalten?

Bonfadelli: Ich bin nicht besorgt, was den Bereich des Sach- und Fachbuchs betrifft. Aber im Bereich der Belletristik ist die Konkurrenz durch andere Medien stark. Da sind die Leute vielfältig mit anderen Unterhaltungsangeboten konfrontiert.

ZEIT: Das Paradigma des Lesens ist immer das sogenannte gute Buch. Ist das nicht ein bisschen kitschig?

Bonfadelli: Das gute Buch war seit je nur ein kleines Segment im Angebot. Die Absatzzahlen in diesem Segment sind keineswegs rückläufig. Es zeigen sich aber gewisse Umschichtungen. Immer weniger Autoren setzen sich durch, und deren Bücher haben immer größere Auflagen. Die Vielfalt der Titel geht zurück. Kleinere Verlage mit Titeln mit kleineren Auflagen haben es schwer angesichts der Buchkaufhäuser, die auf wenige Titel mit großen Absatzzahlen setzen.

ZEIT: Warum macht die Gesellschaft immer so ein Bohei ums Lesen?

Bonfadelli: Im Vergleich zum Fernsehen liegt die gesellschaftliche Bedeutung des Buchs darin, dass es eine aktive geistige Auseinandersetzung verlangt. Unsere Gesellschaft basiert im Grunde auf Lesekompetenz, auf der Auseinandersetzung mit geistigen Inhalten, die nach wie vor in verschriftlichter Form stattfindet.

ZEIT: Gibt es unterschiedliches Leseverhalten zwischen Männern und Frauen?

Bonfadelli: Ja, Frauen lesen deutlich mehr Belletristik als Männer.