In das stille Herz des Skandals, zu den verschwiegenen Hütern des Kirchenfriedens, in die beschauliche Gemeinde Ahrensburg kam eines Tages eine junge Pastorin, die unangenehme Fragen stellte. Es war Britta Sandlers erste Pfarrstelle, deshalb glaubte sie vielleicht noch an etwas wie Verantwortung. Deshalb bohrte sie nach, wo andere beschwichtigten, damals im Jahr 1999. Gerade war Sandlers Vorgänger, der Pfarrer Dieter K., wegen sexueller Übergriffe diskret auf einen neuen Seelsorgerposten versetzt worden. Er hatte kirchenintern zugegeben, eine 16-jährige ehemalige Konfirmandin und jahrelang auch mehrere Jungen aus seiner Gemeinde, darunter seine Stiefsöhne, missbraucht zu haben. Davon erfuhr Sandler aber nichts. Sie wunderte sich nur, warum manche Gemeindemitglieder ihr Pfarrhaus nicht betreten wollten. Warum dunkle Gerüchte über Schlafzimmertapeten kursierten. Als die besorgte Pastorin Sandler bei ihrem älteren Amtsbruder Friedrich Hasselmann, der bereits seit gut 30 Jahren in derselben Gemeinde Pastor war, nachfragte, wurde ihr streng bedeutet, sich nicht zum Schaden der Kirche unnütze Sorgen zu machen.

"Ich will mich hüten, dass ich nicht sündige mit meiner Zunge", steht im Alten Testament, "ich bin verstummt und muss mein Leid in mich fressen." Dass man seine Zunge hütet und sein Leid in sich hineinfrisst, dass man als Opfer besser schweigt und als Verantwortlicher mit zusammengebissenen Zähnen den Ruf seiner Institution verteidigt – das sind wiederkehrende Motive im größten Missbrauchsskandal der evangelischen Kirche.

Der Fall Ahrensburg hat zwar an der Oberfläche ein paar typisch protestantische Aspekte wie etwa betont antiautoritäre Jugendarbeit und befreiungstheologische Theorien über Sexualität. Aber im Grunde ist es die alte Geschichte vom dreisten Täter, der jahrzehntelang immer neue Kinder belästigt, weil niemand lautstark interveniert. Den Stiefsohn Sebastian Kohn missbraucht er nach dessen Aussage in den achtziger Jahren schwer, sodass er sich später mehrfach umzubringen versucht. Daneben bedient sich der offenbar pädophile Pfarrer in den Jugendgruppen und bei Partys, die er in seinem Garten veranstaltet.

Über mindestens drei Jahrzehnte hinweg soll Pfarrer K. sexuell übergriffig agiert haben, seit einem Bericht im Spiegel vor gut einer Woche melden sich immer mehr Betroffene. Einer hat berichtet, dass er als Jugendlicher Mitte der siebziger Jahre von Dieter K. nach dem Religionsunterricht bedrängt wurde, aber weglaufen konnte. Als der Junge gleich danach seinem besten Freund entsetzt von der Sache berichtete, entgegnete der nur, ihm sei weit Schlimmeres widerfahren. Damals beschwerte sich die Mutter des ersten Jungen bei der Ehefrau des als vertrauenswürdig geltenden Pfarrers Hasselmann und bat, dass gegen Dieter K. etwas unternommen werde. Heute bereut sie, K. nicht angezeigt zu haben. Ihr erwachsener Sohn schreibt im Mai 2010, als die Nordelbische Kirche den Fall Dieter K. endlich öffentlich macht, in einer E-Mail, dass viele Jugendliche damals von K. missbraucht worden seien: "Das ist doch kein Geheimnis. Und dann tun wieder alle, als hätten sie nichts gewusst."

Ahrensburg, Schleswig-Holstein, liegt nordöstlich von Hamburg. Worüber das Städtchen mit seinen 33.000 Einwohnern, mit seinen Villen und gutbürgerlichen Einfamilienhäusern sich normalerweise aufregt, das sind zu hohe Hecken oder zu eckige Bäume. Die jüngste Volksabstimmung betraf die alten Linden in der Großen Straße: Kastenformschnitt wie bisher oder doch lieber runder Kronenbegrenzungsschnitt für ein natürlicheres Erscheinungsbild? Seit einigen Wochen jedoch ist die Gemeinde Am Hagen, ist der ganze Ort in Aufruhr. Der Verein, in dem die Missbrauchsopfer sich organisiert haben, schätzt, dass es mindestens 50 bis 60 Betroffene gibt.

Zweierlei Reaktionen gibt es in der Bevölkerung auf die Enthüllungen über Dieter K.: Die einen wollen schon immer seinen Spitznamen "Kinderficker" gekannt haben. Die anderen fallen aus allen Wolken. Tatsache ist, dass es regelmäßig – in den siebziger, achtziger, neunziger Jahren – Hinweise an die Kirche gab. Einer der fünf Stiefsöhne K.s, Stephan, ging zum Jahreswechsel 1985 mit seiner Freundin zu Pastor Hasselmann, um ihm zu sagen, dass es Übergriffe auf ihn selbst und auf seine jüngeren Brüder Sebastian, Ulrich und Markus gab.

Friedrich Hasselmann, heute 69 Jahre alt. Dieser Name hatte in Ahrensburg über viele Jahre einen guten Klang. Durch ihn fanden manche wieder in die Kirche zurück, die von der Kirche längst genug hatten. Ein Hüne von Gestalt, sprachgewaltig. Bewundert auch in den Jugendgruppen, die er leitete. Eine etwas andere Form christlicher Begegnung: Alkohol, Zigaretten, Musik und das Herz auf der Zunge. Teilnehmer dieser Runden schwärmen noch immer von "superspannenden Stunden wie in einer Kommune, in denen es keine richtigen Grenzen gab".

Jetzt, 20 Jahre später, kreisen die Gedanken des Pastors vor allem um das Thema Grenzen. Wie weit reicht das Schweigegebot eines Priesters? Ab wann muss er zur Polizei gehen? Hasselmann hält ein dickes blaues Buch zum Kirchenrecht in Händen. Seit Tagen hält er sich an der Vorschrift fest, nach der das Schweigegebot für ein seelsorgerisches Gespräch nur dann nicht mehr wirksam sei, wenn der Geistliche von einem Kapitalverbrechen Kenntnis erhalten hat. "Damals habe ich geglaubt, es sei richtig zu schweigen, heute weiß ich, dass das ein Fehler war." Damals habe er "ein Fünftel oder ein Sechstel" von dem gewusst, was er heute über den Pastorenkollegen K. wisse.