Es war Weihnachten – und keiner durfte zu ihm, der nicht angemeldet war. Vor der Wohnanlage in Bogotá warteten ein gepanzertes Auto und zwei Leibwächter. Ein Polizist brachte den Gast zum Apartment. Vor der Tür, vor der früher Unbekannte schon mal ein Grabgesteck mit Schleife und dem Namen Hollman Morris abgelegt hatten, hing nun ein Adventskranz. Kolumbiens mutigster und am meisten gefährdeter Journalist öffnete und bat hinein in die heile Welt, die er seinen Kindern vorzuspielen suchte. "Stille Nacht, heilige Nacht", sang es aus den Boxen, obwohl da niemand des Deutschen mächtig war. Aber irgendwie sollte es sich nach Frieden anhören in der Festung. Über die paradoxe Lebenslage des vom Staatsapparat offiziell beschützten und zugleich verfolgten TV-Reporters hatte ich an dieser Stelle berichtet. Jetzt ist aus dem kolumbianischen Bedrohungs-Szenario eine internationale Affäre geworden, die einen Nachtrag verlangt.

In seiner preisgekrönten TV-Sendung Contravía, Gegenverkehr, hatte Morris seit Jahren politische Morde rekonstruiert und das Elend auf dem Lande dokumentiert. Auch deckte er Verbindungen des Präsidenten Uribe und seiner Entourage zu den am Drogenhandel beteiligten Paramilitärs auf. Für einen TV-Geschichtskanal recherchierte er über die linken Farc-Rebellen. Zwischen ihnen und französischen Diplomaten, die sich seinerzeit um Kontakte zur Geisel Ingrid Betancourt bemühten, versuchte der Journalist bisweilen zu vermitteln. Anfang 2009 denunzierte ihn Präsident Uribe als "Komplizen des Terrors". Der damalige Verteidigungsminister und jetzige Präsident Juan Manuel Santos diffamierte den Reporter als "der Guerilla nahestehend". Gefälschte Geheimdienst-Videos stellten Morris gar als Sprecher der Farc hin. Das alles kam einem Freibrief für die rechtsextremen Todesschwadronen gleich. Morddrohungen machen seither einen großen Teil seiner Post aus. Die Organisation Amerikanischer Staaten verpflichtete Kolumbien, den Journalisten durch Leibwächter zu schützen – doch die ließen bald erkennen, dass sie für Uribe spionierten.

In den Tagen meines Besuches bewarb sich der 41-Jährige gerade in Eile um ein Stipendium der renommierten Nieman Foundation an der Harvard-Universität. Im April erhielt er die Einladung, ein Jahr lang in Harvard über internationale Strafgerichtsbarkeit und Strategien für Konfliktverhandlungen zu forschen. Doch nun schlug Amerika Morris die Tür vor der Nase zu. Die US-Behörden verwiesen ihn kühl auf Paragraf 212(a)(3)(B) des Patriot Act, wonach kein Visum erhält, wer terroristi- sche Aktivitäten ausübt oder sie gutheißt oder einer terroristischen Organisation angehört. Bob Giles, Kurator der Nieman Foundation, war geschockt: "Wir sind aus allen Wolken gefallen. Das hat es noch nie zuvor gegeben. Morris hat doch schon Vorträge in den USA gehalten und Auszeichnungen bekommen!" Vorträge sind gut, Verbündete noch besser. Uribe und sein Nachfolger Santos sind die engsten Partner in Südamerika und haben den USA erst kürzlich sieben Stützpunkte zugeschanzt. Geradezu beängstigend aber ist, was ein Mitarbeiter des US-Kongresses geäußert hat: Abgeordnete hätten den Verdacht, das Material gegen den Journalisten stamme von Uribes Geheimdienst DAS, "weil es Morris wagte, dessen Missetaten nachzugehen".

Seit 2004 hatte diese Geheimdiensteinheit systematisch Oppositionelle, Journalisten, den Obersten Gerichtshof, das Verfassungsgericht und die Generalstaatsanwaltschaft bespitzelt. Sie gab Listen von Personen weiter, die dann von Paramilitärs ermordet wurden. Die DAS-Akte über Morris von 2005 enthält die Instruktion: "Auf die Verweigerung eines US-Visums hinarbeiten". Mission erfüllt?