Altwerden ist, wie der große Humorist Loriot beizeiten mitteilte, eine Zumutung, und komisch wirkt es allenfalls auf die Jungen, die getrost belachen, was ihnen unabwendbar bevorsteht. Aber nicht um diese Konstellation geht es in Michael Scharangs neuem Roman, sondern darum, dass der Prozess des Alterns die Wahrnehmung und die Weltsicht in einer Weise verändern kann, die trefflichen Stoff für Komödien liefert – nicht für "Comedy" im Sinne mehr oder weniger witziger Kleinkunst, sondern für die klassische literarische Form, in der menschliche Schwächen vorgeführt und die daraus entstehenden Konflikte auf heitere Art gelöst werden.

Den Österreicher Michael Scharang kennt man als Altlinken der ungefügigen Sorte, theoriefest, doch eigensinnig im Denken, ausgerüstet mit einem unbeirrbaren Glauben an die verändernde Kraft der Kunst. Zwölf Jahre lang hat er sich aus dem Romangeschäft herausgehalten und außer einem Drehbuch nur Essays und polemische Glossen verfasst. Dass die Komödie des Alterns, sein Comeback als Romancier, autobiografische Züge trägt, lässt sich kaum übersehen: Heinrich Freudensprung, einer der beiden Helden, stammt wie sein Erfinder aus dem steirischen Kapfenberg, lebt als Schriftsteller in Wien und New York und hat kurz nach der Jahrtausendwende die 60 vollendet. Sein gleichaltriger Jugendfreund, der ägyptische Ingenieur und Geschäftsmann Zacharias Sarani, wohnt im fernen Kairo, aber die einfühlsame Genauigkeit der Schilderungen nährt den Verdacht, dass es auch für ihn ein reales Vorbild gibt.

Das Wesen jener wunderbaren Freundschaft wird im Prolog beschrieben: "Selbst wenn das Meer zwischen ihnen lag, gewöhnlich das Mittelmeer, manchmal der Atlantik, hatten sie doch das Empfinden, miteinander verbunden zu sein, spürbar, wie damals in der Jugend, als sie Felswände durchkletterten, der bergkundige Alpenbewohner am oberen, der sternenkundige Wüstenbewohner am unteren Ende des Seils." Nicht etwa eine Hierarchie drückt sich in diesem Oben und Unten aus, sondern die Lust des Autors am Austarieren hypotaktischer Satzgebilde. Sie prägt die ganze Erzählung, unzeitgemäß und für sprachsensible Leser höchst erfreulich, ebenso wie das Stilmittel der indirekten Rede, schwelgend in jenen Konjunktivformen, deren Beherrschung zu den vom Aussterben bedrohten Kulturtechniken zählt.

Die Freunde aber, sie sind einander parataktisch beigesellt: Beide lieben die deutsche Sprache, die Musik und die Revolution, und dass der Ägypter aus reicher, angesehener Familie stammt, der Österreicher hingegen aus einem sozialdemokratischen Arbeiterhaushalt, hat nie eine Rolle gespielt. Begegnet sind sie einander im Sommer 1958, im Kapfenberger Stahlwerk, wo der junge Zacharias, unterwegs zum Maschinenbaustudium in Graz, einen Ferienjob angenommen hatte und von seinem Mitpraktikanten Heinrich aus lebensgefährlicher Lage gerettet wurde. Bergtouren und Gespräche festigen die Bindung, die berufliche Erfolge und Familiengründungen überdauert und in die Verwirklichung eines gemeinsamen Traums mündet: Sarani, der Praktiker, und Freudensprung, der Denker, errichten mitten in der Wüste, freilich auf quellenreichem Grund, eine genossenschaftliche, ökologisch bewirtschaftete Musterfarm, eine antikapitalistische Oase mit angeschlossener Musikschule und Zukunftsplänen für eine Akademie zur Erforschung gesellschaftspolitischer und architektonischer Utopien.

Das Unternehmen, kaufmännisch geführt von Frau und Tochter Sarani, floriert und wirft sogar Gewinn ab, und die beiden Männer bleiben über Länder und Meere hinweg durch wöchentliche Briefe verbunden, die sie einander "der Sache wegen, aber auch aus Lust am Klang der Wörter" schreiben. Bis plötzlich, nach vier Jahrzehnten, ein präseniles Missverständnis einen furchtbaren Keil in die Freundschaft treibt: Sarani bezichtigt "den Österreicher", sein Lebenswerk demontieren zu wollen, und Freudensprung verdächtigt "den Ägypter", zerstörerisch in sein Liebesleben eingegriffen zu haben. Von Hass und Groll gebeutelt, wollen sie sich zu einer letzten Aussprache treffen, just in dem Monat, "in welchem unweit des Hauses, in dem der Österreicher wohnte, im südlichen Teil Manhattans, die beiden höchsten Gebäude New Yorks nach Anschlägen zusammenstürzten". Während Heinrich nach Kairo fliegt und Zacharias am Flughafen auf ihn wartet, vertiefen sich beide in ihre Erinnerungen an den jeweils eigenen Werdegang und die gemeinsam verbrachte Zeit.

So enthüllt sich dem Leser nach und nach die Geschichte eines erstaunlichen Projekts und einer kuriosen Entfremdung, erzählt mit strengem Formbewusstsein und sanfter Ironie. Atmosphärisch dichte Szenen, ob im Wüstensand oder in den Häuserschluchten Manhattans, wechseln ab mit essayistischen Passagen, aber die Reflexion scheint Scharangs Prosa nicht zu beschweren, sondern zu durchlichten. Und reflektiert wird, was sich die Gegenwartsliteratur nur noch selten zumutet – die Frage nach der Möglichkeit einer besseren Welt, inklusive aller melancholischen Zweifel, die ein Privileg des Alterns sind, zugleich aber mit einem nachschwingenden Veränderungsfuror, von dem die heutige Jugend nur träumen kann. Am Ende löst sich, so viel sei verraten, aller Argwohn in Luft und Wohlgefallen auf. Die Komödie endet heiter, wie es sich gehört, und hält doch deutlichen Abstand zur Idylle: Der Ernst des Lebens lässt sich nicht abweisen, und Rettung, das ist der Grundton dieses absichtsvoll altmodischen und auffallend musikverliebten Romans, erwächst allein aus der Kunst.