Von hier aus ist es nicht weit zu den Bahngleisen, nur ein paar Schritte. Sehen kann man die vorbeifahrenden Züge zwar nicht. Aber man meint sie zu spüren. Zumindest wird dieses schlichte Eckhaus aus der Wilhelminischen Epoche immer wieder von leichten Erschütterungen durchzuckt. Nichts Dramatisches natürlich, stets nur so kurz wie ein Augenblinzeln. Aber eben doch vernehmbar, wenn man durch das mehrstöckige Haus streift. Man kann gar nicht anders, als unwillkürlich an die Abreise jenes Malers zu denken, der vor hundert Jahren hier glücklich lebte. Der sich hier tatsächlich fast so wie im Paradies fühlte, wie er immer wieder bekannte. Bis er dann schließlich in einem dieser vorbeifahrenden Züge saß, am 8. August 1914, und, immerzu aus dem Fenster seiner Frau und den Kindern zuwinkend, in den Krieg fuhr. August Macke ist tot, hat dann ein paar Wochen später sein Freund Franz Marc geklagt, "der junge Macke".

Für immer jung ist er hier geblieben, in diesem Haus auf der Bornheimer Straße in Bonn, das er von 1910 bis zum Tag seiner traurigen Abfahrt bewohnte und wo er den größten, den bedeutendsten Teil seines Werkes geschaffen hat, in einem Arbeitsrausch sondergleichen. Von hier aus hat er, zeichnend, aquarellierend, malend, immer wieder die unmittelbare Umgebung in den Blick genommen; zahlreiche dieser Ansichten aus den Fenstern des Hauses sind heute berühmt und gehören zu den Ikonen seines Schaffens. Von hier aus hat er, der unermüdliche Anreger und Beweger, auch seine künstlerischen, kulturpolitischen Fäden überall hin gesponnen, natürlich auch zur Pariser Avantgarde. Von hier aus hat er nicht zuletzt die legendäre "Ausstellung Rheinischer Expressionisten" in einer Bonner Kunsthandlung organisiert, die sich im Sommer 1913 anschickte, das beschauliche Städtchen zum Mittelpunkt einer neuen künstlerischen Formation zu machen, einer anderen – rheinisch-lyrischen, melodiösen, fast heiteren – Spielart der modernen Ausdruckskunst, die sich gleichsam mit einem französischen Akzent artikulierte. Hier hat er Guillaume Apollinaire und Robert Delaunay empfangen. Von hier aus ist er schließlich, seinen Untergang ahnend, dem sinnlosen Tod entgegengefahren.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Im August Macke Haus sind nun all diese Fäden wieder aufgenommen und miteinander verknüpft worden. Man kann sich in diesem Museum, das einmal die Schaltzentrale Mackes war, vorzüglich über sein Leben informieren, über sein menschliches und künstlerisches Umfeld. Man kann hier seine eigenen Werke und die seines rheinischen Freundeskreises betrachten, die ausgiebig in den ehemaligen Wohnräumen der Familie und im – originalgetreu rekonstruierten – Dachatelier des Künstlers versammelt sind. Es mögen, speziell vom großen, die ganze Gruppe weit überragenden Macke selbst nicht unbedingt die bedeutendsten Arbeiten sein, aber doch findet sich oftmals reizvoll Intimes hier, eng mit seiner Biografie Verwobenes.

Überwiegend handelt es sich um Arbeiten auf Papier, um Zeichnungen, druckgrafische Blätter und Zyklen. Diese aber sind in reicher Zahl vorhanden, und der Mangel an kunsthistorischen Schwergewichten wird mühelos durch Entdeckungen wettgemacht, durch die Begegnung mit lange Übersehenem, Vergessenem. So finden sich unter den fast 4000 Objekten des Museumsbestands, zu denen auch viele Briefe und andere Dokumente gehören, Memorabilia wie die bei der Tunisreise benutzte Börse oder der Siegelring Mackes, dazu Werke von fast allen Künstlern, die anfangs von Kritikern als "Horde farbspritzender Brüllaffen" geschmäht wurden. Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen oder Hans Thuar sind zu sehen, aber auch Bilder von den weniger bekannten wie Franz Henseler, Franz M. Jansen oder Paul Adolf Seehaus.

Besonders wird man sich über die Begegnung mit den heute fast vergessenen Künstlerinnen aus dem Umfeld des Rheinischen Expressionismus freuen. Arbeiten von Fifi Kreutzer, Marie von Malachowski-Nauen oder Marta Worringer finden hier Zuflucht. Überragend aber, wirklich mitreißend, sind die vielen Scherenschnitte und Schattenbilder des Dandys Ernst Moritz Engert. Gemeinsam mit der Frohnatur Macke dominiert dieser genialische "Orpheus der Kontur" den meist rheinisch-sonnigen Bilderbogen.

Engert war übrigens gerade noch rechtzeitig aus München nach Bonn gekommen. Im Sommer 1913 stieß er zum Kreis der jungen Maler. Macke war das weit ausstrahlende Zentralgestirn in jenem, so der Zeitzeuge Karl Otten, denkwürdigen "Sommer ohne Herbst", der hier jetzt eine solch schöne Nachblüte erlebt. In August Mackes geliebtem Paradies, aus dem er bald vom Krieg vertrieben wurde.