Es gibt ein Foto von Werner Schmidt, das ihn in dem Moment zeigt, den er viel später als "Glanzstunde" seines Lebens bezeichnen wird. Es ist 1955, Schmidt steht im Hintergrund, aus der zweiten Reihe beobachtet er die Rückkehr einer Frau, die lange als unwiederbringlich verloren galt. Als die Transportumhüllung fällt, ist Raffaels legendäre Sixtinische Madonna wirklich zurück in Dresden. Da ist leiser Stolz in Schmidts Gesicht.

Das akademische Leben Werner Schmidts nach dem Studium und einer mehrjährigen Arbeit für die Nationalgalerie in Berlin begann mit diesem Höhepunkt der Nachkriegszeit, der Rückführung der 1945 von der Sowjets abtransportierten Werke der Dresdner Gemäldegalerie. Als in Pirna geborener Sohn eines Lehrers wusste Werner Schmidt wohl, was das bedeutete: die Wiedergewinnung einer kulturellen Identität. Schmidt sah die Rückkehr der Sixtinischen Madonna als Teil einer großen Aktion, die eine ganze Galerie wieder aufleben ließ. Ein Kernbestand der europäischen Kunstgeschichte war zurück.

Der Streiter für diese Wiederbelebung, der mehr als ein halbes Jahrhundert Dresdner Kunstgeschichte mitprägte, ist am 15. Juli 2010 im Alter von 80 Jahren verstorben.

Werner Schmidt konnte unerbittlich sein, hart, apodiktisch und undiplomatisch. Er kannte sein Gewicht und wagte es einzusetzen. Als Direktor des Dresdner Kupferstich-Kabinetts – er erreichte dieses Amt im Alter von 29 und behielt es 30 Jahre – war er ein Streiter, ein Kämpfer an vorderster Front: für die Freiheit von Kunst und Künstlern in einem Staat, der diese Freiheit nicht gewähren wollte. Es ist eines der größten Verdienste Schmidts, viele begabte Künstler, die im offiziellen Kunstbetrieb der DDR in Ungnade gefallen waren, unterstützt zu haben. Eine Schar in der DDR gebliebener Künstler fand in ihm einen Protektor und Gesprächspartner sowie einen Vermittler gegenüber Sammlern und Galeristen, auch jenen im Westen. Nicht einzig Werner Schmidt engagierte sich mit Wort und Wirkung für die inoffizielle Kunst. Er hatte dabei aber wohl die exponierteste Position inne. Immer wieder beschäftigte ihn ein Künstler ganz besonders, nämlich der damals schon betagte Dresdner Hermann Glöckner, der Vorkämpfer einer konstruktiven Kunst, deren Realismusferne sie der staatsnahen Kunstpolitik suspekt machte.

Die Zeichner Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg gehörten zu jenen Künstlern, die von Werner Schmidts Fürsorge außerordentlich profitierten: Er zeigte ihre Arbeiten im Kabinett und gelegentlich auch in privatesten Ausstellungen, sogar bei sich zu Hause. Damit gehörte er trotz seines Amtes als Direktor der nonkonformen Kunstszene an. Er kannte und unterstützte diese Künstler nicht nur moralisch, sondern nahm auch ihre Arbeiten in die Sammlung des Kabinetts auf – nicht selten als Geschenke. Schmidt verstand seinen Sammlungsauftrag nicht ideologisch, sondern ästhetisch, und damit stand er in der Tradition der besten Museumsmänner, namentlich seines Lehrers Ludwig Justi.

Nirgends in der DDR, auch nicht in anderen Staaten des Ostens, konnte man so früh und zahlreich wie in Dresden die Arbeiten moderner Künstler des Westens sehen – seien es Horst Antes, Hans Hartung oder Picasso. Selbst die Arbeiten von Künstlern aus sozialistischen Ländern wurden hier, dank persönlicher Verbindungen, systematisch, ja damals wohl wirklich noch vollständiger als in der Sowjetunion selbst gesammelt.