Die Betreiber einer Website stellen über 90.000 bislang geheime Dokumente über einen Krieg zwei Zeitungen und einem Magazin zur Verfügung – und dann ins Netz. Seitdem scheint nichts mehr, wie es war: Vom "größten Geheimnisverrat in der Geschichte" ist die Rede, vom Beginn des "asymmetrischen Journalismus", vom Zeitalter der absoluten Transparenz. Die Internetplattform WikiLeaks selbst, die die Dokumente publik gemacht hat, spricht von einem "neuen Blick" auf den Afghanistankrieg .

Wer erst jetzt einen "neuen Blick" auf den Afghanistankrieg bekommen haben will, hat in den vergangenen Jahren keine Zeitung gelesen, keine Fernsehdokumentationen gesehen. Kein Krieg ist so sehr von kritischer Berichterstattung, von der Enthüllung kleiner und großer Skandale und von schlecht kaschierten regierungsamtlichen Selbstzweifeln begleitet worden wie der Afghanistankrieg.

WikiLeaks liefert mit seinem Scoop zunächst also nichts grundlegend Neues über diesen Krieg, sondern über die Zukunft der Medien und des Enthüllungsjournalismus: WikiLeaks hat eine neuartige, sehr viel sicherere, weil grenzenlose Anlaufstelle für jene geschaffen, die einen Skandal öffentlich machen, die auf Missstände hinweisen. Eine von Browser zu Browser wandernde Internetplattform, deren Mitarbeiter wahre Künstler im Verschlüsseln sind, kann ihre Informanten und Informationen sehr viel besser schützen als jede Zeitung und jede Fernsehredaktion.

"Bloß irgendwie raus hier", murmelt der Chor der Truppensteller

WikiLeaks, die New York Times, der Spiegel und der britische Guardian haben mit ihrer gemeinsamen Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente den Weg für den Journalismus der kommenden Jahrzehnte aufgezeigt. Im Zeitalter der entgrenzten und verflochtenen Krisen reicht es nicht mehr, nur mit den Mitteln einer einzigen Zeitung, eines einzigen Senders für das nationale Publikum zu recherchieren und zu publizieren.

Ein Haushaltsskandal in Griechenland kann die gesamte Europäische Union ins Wanken bringen, eine kalifornische Hypothekenkrise das globale Finanzsystem gefährden, eine Preisschwankung auf dem weltweiten Drogenmarkt den Machtkampf zwischen afghanischen Milizen entscheiden.

Die Krisen werden komplexer, die politischen Folgen weitreichender und die Ressourcen für unabhängige Medien geringer. Deren Zukunft sind die Netzwerke – sei es in Form von Kooperationen zwischen Zeitungen über Grenzen hinweg, sei es in Form von multinationalen Recherchepools oder der Zusammenarbeit mit Stiftungen und Universitäten.

All das wird mit gebotener Distanz zur grenzenlosen Blogosphäre geschehen müssen. Auch zu Plattformen wie WikiLeaks. Deren Arbeit ist im Einzelfall verdienstvoll und aufklärend, ihr missionarischer Anspruch problematisch. Denn das "Leak", die Weitergabe vertraulicher Informationen, ist nicht an sich schon ein Segen. Die Geheimhaltung in der Politik ist nicht nur dazu da, um Kriege zu verschleiern und die Bevölkerung zu belügen. Oft dient sie auch dazu, Schlimmeres zu verhindern. Und manchmal bewegt sie sich in der Grauzone dazwischen.