Gut 90.000 Dokumente über den Afghanistankrieg kann man nicht lesen, man muss in sie eintauchen wie in einen dunklen, schlammigen See. Um dann den Stimmen zu lauschen: "Ein Lastwagen näherte sich dem RB, beschleunigte, fuhr von der Straße herunter, um den RB zu umfahren, gelangte wieder auf die Straße und fuhr Richtung CJSOTF – CJSOTF versuchte den Lastwagen erfolglos per Handzeichen zum Halten zu bringen. CJSOTF schoss zweimal auf den Motor. Ein Querschläger gelangte in die Fahrerkabine, traf den Fahrer in den Arm, trat aus seinem Rücken wieder aus. Der Fahrer starb kurz darauf an seinen Wunden" — es ist eine protokollarische Sprache, durchsetzt mit Abkürzungen, die wie Ungetüme mitten in den Sätzen sitzen und den Fluss der schrecklichen Ereignisse für einen Moment behindern: RB steht für road block, Straßensperre, CJSOTF für combined joint special operations task force , eine Spezialkräftekampfeinheit. Dann heißt es in einer der nächsten Meldungen: "Ein Auto versuchte mit hoher Geschwindigkeit einen Konvoi zu rammen. Outlaw 7 schoss auf das Fahrzeug mit 50 Kaliber und zerstörte es. Der Fahrer starb."

Fälle wie diese sind in den Berichten der US-Armee unter einer Rubrik für gewaltsame Vorfälle zusammengefasst. Zwischen Januar 2004 und Dezember 2009 sind 2271 davon registriert worden. Das ist der Zeitraum, aus dem die Dokumente stammen. Fünf Jahre, die vollgepackt sind mit Anschlägen, Attentaten, Bomben, Angriffen, mit Toten, Verletzten – und mit vielen banalen Vorfällen. An manchen Stellen merkt man, mit welcher Unlust die Offiziere die Berichte niederschrieben. Sie erledigten eine lästige Pflicht und fütterten das gierige Maul des bürokratischen Monsters Pentagon, selbst wenn es nichts zu berichten gab.

In der Flut droht man fast zu versinken, vieles an den Dokumenten ist unerheblich; manches spektakulär wie die Geschichte der amerikanischen Spezialeinheit 373, die gezielt Jagd auf Taliban macht, oder die immer schon vermutete, aber nun besser belegte Zusammenarbeit des pakistanischen Geheimdienstes mit den Taliban. Das sind beunruhigende Fakten, allerdings sind sie nicht immer neu. Pakistans zweifelhafte Rolle ist seit geraumer Zeit bekannt, um "amerikanische Todesschwadronen" gab es hartnäckige, plausible Gerüchte. Die Tatsache, dass die Einheit 373 im deutschen Verantwortungsbereich, im Norden des Landes, aktiv wurde, dürfte die hiesige Debatte kräftig anheizen. Trotzdem, das wirklich Neue, das aus den Dokumenten hervorgeht, ist auf den ersten Blick nicht leicht erkennbar, denn es kommt nicht sensationell daher, sondern leise: Es ist der Grundton der Vergeblichkeit dieses Krieges.

Man kann förmlich spüren, wie die mächtigste Militärmaschine der Weltgeschichte, die Nato, in Afghanistan kleingemahlen wird, wie sie sich verliert in diesem weiten, unübersichtlichen Land. Man wird in näherer Zukunft die Dokumente genauer aufarbeiten müssen, um zu begreifen, was wann schiefgelaufen ist und ob die Fehler unvermeidlich waren. Doch zunächst einmal zieht sich durch die fünf dokumentierten Jahre ein leiser, aber deutlich düsterer Ton. Bei der Lektüre der Dokumente liegt einem ein beständiges Knirschen in den Ohren. Es kommt von den vielen kleinen Konflikten, Zusammenstößen, Kämpfen, Aufbauversuchen, Verhandlungen, Intrigen, in denen sich die Nato aufreibt.