Was auch immer die Eltern euch um die Ohren hauen – denkt daran: Sie meinen nicht euch, sie meinen das System." Den Satz hatte die Rektorin ihren Lehrerinnen zu Beginn der vierten Klasse immer wieder gesagt. Manuela Wedlich hat in den folgenden Monaten oft an diesen Satz denken müssen. Sie ist die Klassenlehrerin der 4a an der Grundschule Poing bei München.

Seit 2005 ist die Schleswig-Holsteinerin an der Schule, es ist ihre erste Vierte. Mit ihrer Kollegin Margot Ruthenkolk sitzt sie an einem schneelosen Januarmorgen im Lehrerzimmer und redet über das, was in den nächsten Monaten vor ihnen und ihren Schülern liegt und was sie gelegentlich "Probenwahnsinn" nennen. Insgesamt müssen im 4. Schuljahr 22 Proben geschrieben werden, 12 in Deutsch, 5 in Mathematik und 5 in HSU, in Heimat- und Sachkunde. Es bleiben vier probenfreie Wochen im Schuljahr. Proben, das sind die Klassenarbeiten, die entscheiden, wie die weitere Schulkarriere aussehen wird. Viertklässler, die einen Notenschnitt von wenigstens 2,33 schaffen, dürfen aufs Gymnasium, wer drunterliegt, kommt auf die Realschule, wer die 2,66 nicht schafft, dem bleibt die Hauptschule. So will es das Schulsystem in Bayern.

Die dritte Klasse sei noch schön, sagen die beiden Lehrerinnen, dann komme die vierte, und es gehe ausschließlich um das eine: den Übertritt. Das Lernen auf die Proben hin erinnere an bulimisches Lernen, erst werde gepaukt und dann das Gepaukte wieder erbrochen – und oft vergessen. Manuela Wedlich erzählt von einer Mathe-"Ex", einem unangekündigten Test, bei dem der Schnitt ihrer Klasse auf 3,8 absackte, sonst hat die 4a Einserschnitte. Es sind Monate, in denen Eltern und Schüler nur noch Mathe, Deutsch und HSU im Kopf haben. Die anderen Fächer fallen unter den Tisch.

In der Elternsprechstunde geht es nur noch ums Notenfeilschen

Poing liegt gerade noch im Speckgürtel von München, es hat knapp 14.000 Einwohner, darunter viele Akademiker, die mit ihren Kindern aus der Stadt gezogen sind. An der Grund- und Hauptschule gibt es rund 70 Lehrer, 750 Schüler. Die Eltern seien hier nicht überzogen anspruchsvoll, erzählen die Lehrerinnen. Nicht so wie in manchen gehobenen Vierteln Münchens, wo die Eltern das Gymnasium für ihre Kinder als gegeben betrachten. Aber in den Elternsprechstunden in Poing sagen sie auch: "Auf die Hauptschule geht das Kind auf keinen Fall." Und Margot Ruthenkolk weiß schon jetzt, dass es in den kommenden Elterngesprächen nicht mehr um Beratung gehen wird, nur noch ums "Notenfeilschen". Sie unterrichtet seit 2001 dritte und vierte Klassen.

Ein Dienstagmorgen, Anfang Februar, vor der Schule liegt ordentlich Schnee. Es sind noch zweieinhalb Monate bis zu den Übertrittszeugnissen. Gebratene Putenbruststreifen stehen auf dem Speiseplan der Kantine. Hier sitzen Sandro und Benedikt, sie gehen zu Frau Ruthenkolk in die 4c, und Noah und Paola, sie sind bei Frau Wedlich in der 4a. Die vier fachsimpeln über den Probenplan. Letzte Woche haben sie ihre Zwischenberichte bekommen. Noah steht auf 2,0, Sandro, Paola und Benedikt jeweils auf 2,33. Was wollt ihr einmal werden? "Tierarzt", sagt Sandro, "Tierärztin", sagt auch Paola, sie hat zu Hause einen Cockerspaniel. "Tennisspieler, Forscher, Astronaut", sagt Noah. "Elektriker" will Benedikt werden oder Sportler, Leichtathlet. Er hat einen großen Sprung gemacht, in der dritten Klasse war er auf Hauptschulkurs.

Nächste Woche schreiben sie eine Matheprobe. Paolas Vater hat am Wochenende viele Papiere mit Matheaufgaben mitgebracht. Paola hat blonde Haare, sie ist ein freundliches, stilles Mädchen. Sie sagt, sie habe in den letzten Monaten kaum mehr Zeit zum Spielen, außer Lernen gebe es ja noch Klavierspielen und Geräteturnen. Noah erzählt, dass seine Mutter Arbeitsblätter mit typischen Probearbeiten ausgedruckt hat. Er trägt einen weißen Pulli mit roten Streifen. Sein Lieblingsfach ist Sport. Die Hausaufgaben macht er im Hort, abends schaut noch mal seine Mutter drüber. Er würde schon gern aufs Gymnasium gehen. Und die anderen? "Auf jeden Fall will ich da hin", sagt Sandro. "Ich will lieber auf die Real", sagt Benedikt und zu Sandro: "Du musst 50 Vokabeln lernen am Tag auf dem Gymnasium." Noah sagt: "Es ist aber nicht nur schwerer, du kannst nachher auch alle Berufe machen."

Ein Dreier mehr heißt Hauptschule, fürchtet die Mutter

Die Mutter von Noah hadert mit diesem ganzen Übertrittssystem. "Wir sind voll im Übergangsstress", hörte sie sich neulich zu anderen Müttern beim Sport sagen. Ein bisschen kann sie darüber lachen, dass sie von diesem Notenfieber gepackt wurde, obwohl sie das nie wollte. Den Schulübertritt nur an den Noten festzumachen, das sei doch nichts, sagt sie. "Was, wenn das Kind in der entscheidenden Zeit von September bis April mal eine schlechte Phase hat, sei es wegen Umzug, einer Krankheit oder wegen familiärer Probleme?"

Ihr Noah steht gut da. Aber man könne sich auf den Lorbeeren ja nicht ausruhen, sagt seine Mutter. In der dritten Klasse sei ein Dreier halt noch ein Dreier gewesen. Jetzt denke sie: Noch ein Dreier mehr heißt Realschule – und noch ein paar dazu Hauptschule. Sie kontrolliert regelmäßig die Hausaufgaben, schaut sich die Proben an, die Noah mit nach Hause bringt. Sie kommt aus Rheinland-Pfalz, dort zählt der Wille der Eltern. Es ist doch so, sagt sie: "Hier darf man die Regierung wählen, hat aber keine Kompetenz, zu entscheiden, auf welche Schule das eigene Kind soll." Im föderalen Deutschland handhaben das die Länder sehr unterschiedlich, in Schleswig-Holstein etwa, Niedersachsen oder Hessen entscheiden die Eltern über die beste Schule für ihr Kind, in Sachsen, Baden-Württemberg oder Bayern die Noten und die Lehrer.

Seine Tochter sei verunsichert, erzählt auch Paolas Vater, ein Jurist, sie würde viel schweigen und wirke manchmal recht niedergeschlagen. Der Druck der Kinder untereinander sei groß, "wer eine schlechte Note hat, wird als Loser bezeichnet". In der dritten Klasse sei noch eine große Fröhlichkeit da, damit sei es jetzt vorbei, wie mit dem Fallbeil abgehackt. "Man fühlt sich diesem System so ausgeliefert", sagt er, so ohnmächtig. Das ideale Schulsystem hätte für ihn eine größere Durchlässigkeit und wäre nicht so überfrachtet mit Detailwissen. Benedikts Eltern haben ihren Sohn nach der dritten Klasse einige Male in einen lernpsychologischen Kurs geschickt. Mit Erfolg. "Wir sind schon hinterher", sagen sie. Aber übertreiben wollen sie es nicht. Das Kind müsse auch Freizeit haben, Zeit fürs Spielen. "Nicht dass der irgendwann zurückschaut und sagt: Ich habe keine Kindheit gehabt", sagt der Vater. "Wenn die Noten stimmen und die Lehrerin sagt, der schafft das Gymnasium mit links, dann kann er gern dahin, ansonsten auf die Realschule."