Die Gomaringer sind sauer auf ihre Kultusministerin. Nach den Sommerferien soll in Baden-Württemberg die neue Werkrealschule die alte Hauptschule größtenteils ablösen. Doch für die Gomaringer sowie ihre Nachbarn in Dusslingen und Nehren ist die neue Schulart ausgemachter Humbug. "Wir haben eine gute Hauptschule, warum sollen wir sie durch eine schlechte Werkrealschule ersetzen?", empört sich Petra Müller, die in der Gomaringer Schlossschule Elternbeiratsvorsitzende ist.

Die Werkrealschule soll vom Schuljahr 2010/11 an als sechsjähriger Bildungsgang zum mittleren Schulabschluss führen. Nach der neunten Klasse können die Schüler die Hauptschulabschlussprüfung ablegen; bis Klasse 9 lernen Haupt- und Werkrealschüler nach dem gleichen Bildungsplan. Die zehnte Klasse kann nur besuchen, wer in Deutsch, Mathematik und Englisch einen Notendurchschnitt von mindestens 3,0 hat. Drei neue Wahlpflichtfächer soll es geben, dazu Lernstandsdiagnosen und Kompetenzanalysen der Schüler sowie eine enge Verzahnung mit den Berufsfachschulen. Es gehe um eine qualitative Weiterentwicklung der Hauptschule und deren Aufwertung, ja um einen "Meilenstein der individuellen Förderung", wirbt Kultusministerin Marion Schick (CDU); laut ihrem Vorgänger Helmut Rau, der die Reform auf den Weg gebracht hatte, sind Werkrealschulabschluss und Realschulabschluss gleichwertig, wenn auch nicht gleichartig.

Das dreigliedrige Schulsystem freilich bleibt mit dem Abschied der seit je konservativ regierten Baden-Württemberger von der Hauptschule unangetastet. Und so erkennen die Reformgegner aus den Reihen der SPD, der Grünen und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in der Umwandlung vor allem einen Etikettenschwindel. Auch für Ernst Rösner vom Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung ist der neu eingeführte Schultyp "nur ein Trick, um den verbrannten Begriff der Hauptschule zu vermeiden. Eine Hauptschule bleibt die Werkrealschule aber trotzdem. Sie werden kaum Eltern finden, die ihr Kind mit Realschulempfehlung an einer Werkrealschule anmelden."

Der Schülerschwund lässt die Schulen schrumpfen – bis zur Zusammenlegung

"Was man nicht mehr hat, kann auch keine Probleme mehr machen", diese Logik unterstellt auch Petra Müller der Kultusbehörde – für die 46-jährige Gomaringerin ist die Reform nicht mehr als eine "Mogelpackung". Den Schülern, vor allem den schwächeren, bringe sie nicht das, was sie wirklich brauchten, von der Gleichwertigkeit mit der Realschule sei die neue Schulart weit entfernt. Doch vor allem raube sie den Kommunen über kurz oder lang ihre oft ausgezeichneten kleinen Hauptschulen, wie sie etwa auch die Schlossschule ist. Und so kommt es zu dem bemerkenswerten Umstand, dass man sich im Südwesten in Zeiten, in denen die Hauptschule gemeinhin als Auslaufmodell und Restschule deklariert wird, ausgerechnet für diese Schulform starkmacht.

In "DuGoNe", wie das kommunale Trio Dusslingen, Gomaringen, Nehren im Landkreis Tübingen abgekürzt wird, stoßen sie sich an der Standortfrage – gegen die stärkere Berufsorientierung und die Option auf ein zehntes Schuljahr hat niemand etwas einzuwenden. Nach den Modellen der Landesregierung müssten die Werkrealschüler aus DuGoNe in den Klassen 8 bis 10 an einem zentralen Standort unterrichtet werden. Achtklässler aus Gomaringen etwa müssten ins vier Kilometer entfernte Dusslingen fahren und dort zwei Jahre lang zur Schule gehen, die zehnte Klasse könnten sie in Gomaringen absolvieren. Eine andere Variante sieht vor, dass Dusslinger Schüler Klasse 5 und 6 in Nehren, Klasse 7 in Dusslingen und die Klassen 8 bis 10 in Gomaringen besuchen. So gehe die Identifikation mit der Schule verloren, und es entstehe ein teurer Schülertourismus, kritisiert Gomaringens Bürgermeister Manfred Schmiderer. Elternbeiratsvorsitzende Müller wertet den Ortswechsel gar als "schallende Ohrfeige" für die "von der Gesellschaft niedergemachten Hauptschüler".

Ihrem Unmut haben die drei Gemeinden im Steinlachtal Taten folgen lassen: Im Mai haben sie beim Verwaltungsgericht Sigmaringen Klagen eingereicht. Sie wollen die neue Schulform lieber auf zwei Standorte aufteilen: Eine Klasse würde dann durchgängig in Gomaringen, die andere in Dusslingen zur Schule gehen. DuGoNe sind nicht die einzigen Kommunen, die querschlagen: Wenige Kilometer weiter liegen Kirchentellinsfurt, Kusterdingen und Wannweil aus denselben Gründen im Clinch mit der Kultusbehörde. Neue einzügige Werkrealschulen, wie sie Eltern und Politiker in den widerspenstigen Kommunen gern hätten, soll es dennoch laut Landesregierung nicht geben, zumindest nicht in den Klassen 8 und 9, die jeweils zweizügig geführt werden sollen. Dadurch, so das Ministerium, könnten beispielsweise an einer Schule alle drei neuen Wahlpflichtfächer angeboten werden.

Weil aber mehr als die Hälfte der rund 1150 baden-württembergischen Hauptschulen nur eine Klasse pro Jahrgang zustande bringen, sind Zusammenlegungen von Schulen nötig. So verwandeln sich 142 Hauptschulen zur Außenstelle einer der insgesamt 529 genehmigten Werkrealschulen. Für 83 Hauptschulen bedeutet die Schulreform mittelfristig das Aus; 400 einzügige Hauptschulen bleiben bis zur nächsten Antragsrunde vorerst bestehen. Die geforderte Zweizügigkeit sei zum einen dem Schülerschwund geschuldet, der an den Hauptschulen bis 2020 rund 21 Prozent betragen werde, wie Ministeriumssprecher Thomas Hilsenbeck sagt. "Deshalb werden mit der neuen Werkrealschule frühzeitig größere Einheiten gebildet." Zum anderen lasse sich an zweizügigen Schulen die gewünschte individuelle Förderung der Schüler besser umsetzen, und in größeren Schulen stünden mehr Fachlehrer zur Verfügung.