Viktor Bänziger geht zu Boden, Schläge und Tritte prasseln auf ihn nieder. Auf seinen Oberkörper, auf die Seiten, gegen den Kopf. Der 58-jährige versucht sich aufzurichten, sich zu wehren. Doch er ist allein gegen drei. Drei Jugendliche.

Es ist die kalte Neujahrsnacht 2010, etwa halb zwei, fast niemand ist unterwegs in der Zürcher Hohlstrasse. Die drei Kapuzenpulloverträger haben den Radfahrer erst mit dem Auto abgedrängt und dann wortlos attackiert. Für sie ist der kräftige Mann wohl genau das richtige Opfer: nicht zu schwach, dennoch unterlegen. Nicht einmal die Polizei benachrichtigt der Stadtzürcher, nachdem die drei von ihm ablassen und flüchten, erschreckt durch eine Sirene. Es ist reiner Zufall, dass der Gastronom und aktive Fußballspieler nicht schwer verletzt wurde bei diesem wortlosen Angriff aus dem Nichts.

Spontane Gewalt durch Gruppen junger Männer – das ist ein Phänomen, das sich in den Kurzmeldungen der Zeitungen durchs ganze Land verfolgen lässt. Etwa letzte Woche: Auf dem Campingplatz von Tenero am Lago Maggiore prügeln fünf Jugendliche einen 55-Jährigen ins Spital; er hatte sie nachts um halb drei gebeten, den Lärm runterzufahren. Soeben erst wurde beim Basler Strafgericht Anklage wegen versuchten Mordes und versuchter schwerer Körperverletzung erhoben gegen drei junge Schweizer zwischen 19 und 23 Jahren. Sie griffen Ende 2009 in der Basler Rebgasse zwei Passanten mit Tritten und Schlägen an. Aus dem Nichts.

Die verheerende Prügeltour dreier Küsnachter Schüler in München; die willkürlichen Krawalle während des "Reclaim the Streets"-Umzuges in Zürich; der Tod eines Politikstudenten in Folge eines – laut Geständnis – "grundlosen" Angriffs von drei 18- bis 22-jährigen Tätern in Locarno 2008: All die Attacken aus dem Nichts beschäftigen die Menschen landesweit.

Jeden und jede könnte es erwischen: Dieses Gefühl ist es, was die Berichterstattung über die Fälle spontaner Gewalt bei vielen auslöst. Sieht er heute Jungengruppen herumstehen, wechselt Raphael Rogenmoser oft die Straßenseite. Der 32-jährige Luzerner arbeitet im Kulturbereich, ein Bürojob in Zürich. Rogenmoser wurde bereits zweimal grundlos attackiert. Das erste Mal erwischte es den schlanken Mann in einer Unterführung. Es ist weit nach Mitternacht, als Rogenmoser – 1,92 Meter groß – auf dem Weg zu einer Party die Treppen hinabläuft.

Plötzlich spürt er, wie von hinten jemand an ihn heranspringt, ihn um den Oberkörper fasst. Gleichzeitig nimmt er zwei weitere junge Männer wahr, die ansetzen. Als die ersten Schläge eintreffen, kann er sich losreißen. Er entkommt.

Das zweite Mal wird Raphael Rogenmoser in einem Zug von zwei Jugendlichen attackiert, mit der Faust ins Gesicht geschlagen. "Was seid ihr eigentlich für Feiglinge", schreit einer der Schläger in den voll besetzten Passagierraum, "kommt her. Meine Freunde sind nicht so Schwächlinge wie ihr." Keiner rührt sich.