Drei Stunden sind seit der Ankunft am Bahnhof vergangen, als wir die Absperrung vor dem Tunnel erreichen. Es ist jetzt 16.40 Uhr. Die Stimmung wird aggressiv. Die Sonne scheint auf unsere Köpfe und macht müde. Als die Polizei an einer Stelle einen Bauzaun öffnet, drücken die Menschen in Richtung des kleinen Lochs. Ein Nadelöhr. Viele bekommen Angst, zu ersticken. Der Druck von hinten ist so stark, dass ich in der Menge schwimme. Die Polizei räumt erst nach langem Geschrei und ersten panischen Hilferufen alle Zäune an die Seite. Pressen, drücken, Kontakt zum Boden verloren. Ein Mann sagt, eher zu sich selbst, aber laut genug: "Willkommen in der Hölle." Wir rennen los. Aus ihren Vorgärten schauen uns dicke Duisburger mit Cocktailbecher in der einen und Zigarette in der anderen Hand dabei zu, wie wir uns in den Tunnel hineinschubsen. Die Bewegungen werden wieder langsam. Wir sind eine zähe, wabernde Masse.

Loveparade-Katastrophe - Szenen des Loveparade-Unglücks in Duisburg Videoaufnahmen des Hobbyfilmers Thomas Kraus vom Unglücksort

Es wird schlagartig dunkel, Kunstlicht macht plötzlich alles fremd. Im zweiten oder dritten Tunnel geht es wieder nicht weiter. Warten. Niemand weiß, warum wir hier schon wieder stehen. Es wird immer enger. Ein Kokon aus Beton. Noch schlimmer, als eingequetscht zu werden, ist, in einem Tunnel eingequetscht zu werden. Zehntausende von Menschen in dem TUNNEL. Mir kommt es so vor, als sei die gesamte Menschheit hier unten zusammengekommen. Die Menschheit aus Münster, Bielefeld, Dortmund, Hamm, Essen, Düsseldorf. "Alter, Scheiße, macht die Mauern weg!" Tausend Trillerpfeifen hallen im Tunnel. So laut kann keine Musikanlage sein. 

Ich bekomme Angst. Tiefe, ernste Angst. Ich habe selten Angst. Mir wird schlecht, ich halte mir die Ohren zu, es tut weh. Ich stehe am Rand und gehe in die Knie, halte mich an einem Bordstein fest, Leute treten mir in den Rücken, fallen über mich, und ich bin für einige Sekunden, vielleicht fünf, vielleicht fünfzehn, nicht mehr bei mir. Extrem viele blinkende Pünktchen auf meinem Radar. Als ich wieder verstehe, wo ich bin, liegt neben mir ein Junge, etwa Mitte zwanzig, auf dem Rücken und atmet sehr unregelmäßig. Sein Gesicht ist nass, seine Augen, blutunterlaufen, schauen an die runde Decke. Ich rüttle an seinem Arm, er reagiert nicht. Ich weiß nicht, wie Erste Hilfe geht. Ich weiß nicht mal, was das für ein Zustand sein soll. Ich versuche, wenigstens zu verhindern, dass noch mehr Leute auf seinem Torso, auf seinem Kopf herumtrampeln. Ich sitze ewig so da und sage, dass alles gut wird. Er blinzelt nur kurz. Wir warten sehr lange. Bei der Gelegenheit finde ich meine Tasche. Das Portemonnaie fehlt. Mittlerweile schubsen und drängeln die Leute immer heftiger. Irgendwann kommen zwei Malteser durch die Menge mit Helmen und dicken orangefarbenen Jacken. Sie knien sich neben uns und versorgen den Jungen. Ich will nur noch raus. Als ich die Rampe zum Güterbahnhof hinaufsteige, sehe ich, wie sich viele über die Mauer und die Steintreppe retten.

Oben auf dem Gelände gibt es keinen Notausgang. Keinen Getränkestand. Nur die Hitze. Starke Rückwärtsbewegung zurück in die Tunnel. Einen anderen Ausgang gibt es nicht. Irgendwas ist passiert, was sogar das Pfeifen dort verschluckt hat. Es ist sehr still geworden. Nur von Weitem hören wir einen schwachen Bass. Dann kommen die Sirenen.

Unten im Tunnel liegen am Rand Menschen auf dem Boden. Sind sie tot oder nur ohnmächtig? Ich kann nicht glauben, dass hier Menschen gestorben sein sollen, auch wenn ein Mädchen auf mich zugelaufen kommt und das herausschreit. Die da liegen, sind Mitte zwanzig. So alt wie ich. Am Boden: Schuhe, schmutzige Engelsflügel, Arztzeug, Silberfolien zum Abdecken. Man steht bescheuert herum und glotzt sich an. Taub überall. Wo man auch hinschaut, blickt man in erschrockene Gesichter, verschmierte Schminke. Eine Duisburgerin hat einen weißen Plastikstuhl vor ihr Haus gestellt und guckt uns zu wie im Fernsehen. "Selbst schuld", sagt sie, "warum müsst ihr auch hierherkommen?"

Ja, warum? Warum besteigt man Berge? Warum läuft man über die Straße? Warum tritt man auf eine Biene? Warum geht man weiter?