Die Schlagzeile kam so regelmäßig wie die Pilgerfahrt selbst: Massenpanik in Mekka. Mal starben 270, mal 251, einmal sogar mehr als 1400 Pilger. Drei Millionen Muslime versammeln sich jedes Jahr am selben Ort. Doch seit einigen Jahren bleibt die jährliche Katastrophenmeldung aus Saudi-Arabien aus. Die Saudis haben das Ritual radikal umorganisiert – mit deutschen Verkehrsplanern und dem Panikforscher Dirk Helbing, der heute an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich arbeitet. Früher war Mekka für Wissenschaftler wie Helbing ein Albtraum, er nennt sie "das größte Fußgängerproblem der Welt". Heute ist Mekka der Maßstab.

Nach der Tragödie von Duisburg steht bei Helbing das Telefon nicht mehr still, alle wollen von ihm wissen, wie so etwas passieren konnte. Dirk Helbing erzählt ihnen von Mekka.

Nirgendwo sonst drängen sich so viele Menschen auf so engem Raum wie im Tal von Mina, wo die Pilger nach einem strengen Zeitplan die fünftägige Wallfahrt absolvieren. Das Tal misst etwa drei mal drei Kilometer, es ist, als würden alle Einwohner Berlins auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld zusammenströmen. Die Katastrophe ereignete sich meist am fünften Tag. Die Pilger sollen dann nach dem Mittagsgebet 21 Steine auf drei Säulen werfen, die den Teufel symbolisieren. Die meisten wollen danach abreisen, daher nimmt das Gedränge gefährlich zu. Um den Ansturm zu bewältigen, ließen die Behörden Anfang der sechziger Jahre eine Brücke bauen. Auf dem Mittelstreifen wurden drei Löcher für die Stelen ausgespart, umgeben von einer Brüstung. So konnten Pilger ihre Kiesel sowohl von ebener Erde als auch von der Brücke aus werfen. Doch als im Laufe der Jahre immer mehr Pilger anreisten, wurde der Aufgang zur Brücke zum Nadelöhr.

Nach einer Massenpanik im Januar 2006 ließen die Behörden die alte Brücke abreißen und begannen mit dem Bau einer neuen, größer als der Berliner Hauptbahnhof, mit Rettungswegen im Keller, Hubschrauberlandeplätzen und einem Transportband für die im Keller anfallenden Steine. Die fertige Brücke soll bis zu fünf Millionen Pilger pro Tag fassen. Die Steinigung wird von vier Etagen und dem Erdgeschoss aus möglich sein.

Die Saudis wollten zugleich die Fußgängerströme besser lenken. Damit beauftragten sie die Verkehrsplaner Dirk Serwill und Reiner Vollmer vom Aachener Ingenieurbüro IVV. Serwill hat vor Kurzem mit IVV die Sperrung der A40 für das Massenpicknick im Ruhrgebiet geplant. 2005 erstellten die Ingenieure das Mobilitätskonzept für den katholischen Weltjugendtag auf einem Acker westlich von Köln, mehr als eine Million Pilger, 50 Kilometer provisorische Straßen, 12000 Dixi-Klos. Serwill und Vollmer zeigten den saudischen Militärs ein Foto vom Weltjugendtag: Ein Zaun mitten auf der Straße, auf der einen Seite strömt die Jugend in Richtung Papst, auf der anderen ist Platz für Rettungswagen. Einbahnstraßen? Die Saudis waren skeptisch, stimmten aber zu.

In einen Plan von Mina zeichneten die Verkehrsplaner Einbahnstraßen für die Pilger ein, sie markierten Flächen, die abgesperrt und nur im Notfall geöffnet werden sollten. Und sie zogen Zäune auf dem Papier, um die Fußgängerströme zu kanalisieren. Ein Dresdner Logistiker entwarf den wohl größten Stundenplan der Welt, um die 30000 Pilgergruppen von der Zeltstadt zum Steinewerfen zu geleiten, ein Verkehrspsychologe half bei der Gestaltung der Hinweisschilder. Die Deutschen gaben Mekka eine Struktur. Seither gab es keine Toten mehr.

Nun steht ausgerechnet Deutschland mit einer Massenpanik weltweit in den Schlagzeilen. Warum wurden offensichtlich zwei Grundregeln – kein Gegenverkehr!, keine Engpässe! – ignoriert? Und das, obwohl sogar ein Panikforscher die Veranstalter beraten hatte? Helbing will das nicht kommentieren, da er in einem Prozess möglicherweise als Gutachter hinzugezogen wird. Er fordert jetzt ein europäisches Sicherheitsteam, das die Pläne für Massenveranstaltungen mit begutachten soll, eine Art Anti-Panik-TÜV. Für die Veranstalter vor Ort, sagt Helbing, "ist es schwierig, in kurzer Zeit die nötige Kompetenz zu erwerben".