Aldo Brancher war keine 18 Tage Minister der Republik Italien, da trat er schon wieder zurück. Doch diese 18 Tage, die Aldo Brancher als Mitglied der Regierung Berlusconi zubrachte, sind nicht nur für Statistiker interessant. Seine von der Weltöffentlichkeit nahezu unbeachtete Amtszeit ist ein Fanal für die Selbstzersetzung des Systems Berlusconi. Ein System, in dem ein charismatischer Führer – Silvio Berlusconi – bisher schalten und walten konnte, in dem Karrieren nur von seinen Gnaden möglich waren und wo Recht und Gesetz unsympathische Nebenrollen spielten.

In diesem System ist der 67-jährige Brancher ein typischer, wenn auch bisher recht unauffälliger Baustein. Er studierte Theologie, wurde Priester und arbeitete für Italiens auflagenstärkste Wochenzeitschrift, die katholische Famiglia Cristiana . Dann wechselte Brancher in Berlusconis Konzern Fininvest und wurde der Mann, der für ihn ins Gefängnis ging: drei Monate Untersuchungshaft unter dem Verdacht der Bilanzfälschung und Korruption. "Wir fuhren mit dem Auto um den Knast, um Brancher irgendwie nahe zu sein", sagte Berlusconi später.

Jetzt, da Brancher weiße Haare und ein Parteibuch von Berlusconis "Volk der Freiheit" hat, aber auch wieder Schwierigkeiten mit der Justiz, machte ihn Berlusconi einfach zum Minister. Zunächst ohne Ressort und ohne Etat. Ein paar Tage später wurde Brancher zum "Minister für die Anwendung des Föderalismus" ernannt. Dann, nach Protesten des Koalitionspartners Lega Nord, zum "Minister der Dezentralisierung". Der Titel war ohnehin egal. Wichtig war das Ministeramt, weil der wegen Hehlerei und Unterschlagung angeklagte Brancher mit dem Hinweis auf seine "legitime Verhinderung" dem Prozess fernbleiben konnte. Als "legitim verhindert" dürfen Regierungsmitglieder in den sie betreffenden Gerichtsverfahren einfach nicht erscheinen. Weil diese Angeklagten Wichtigeres zu tun haben, nämlich Italien zu regieren. Doch Brancher kam damit nicht durch. Brancher war zu viel.

Mit Brancher hatte Berlusconi wieder einmal demonstrieren wollen, dass seiner Entscheidungsmacht keine Grenzen gesetzt sind. Stattdessen offenbart die Posse um das erfundene Ministeramt nun, dass Berlusconi die Kontrolle über seine Koalition, seine Partei und über die Öffentlichkeit entgleitet. Die Meinungsumfragen verhießen nichts Gutes. Die großen Zeitungen, auch der konservative Corriere della Sera und die zum Fiat-Konzern gehörende Turiner La Stampa, übten harte Kritik an Branchers Ernennung. Plötzlich hatte Berlusconi alle gegen sich. Da musste Brancher gehen, bei einem Abendessen in Berlusconis Villa wurde er abserviert.

Für Berlusconi war der Fall damit erledigt. Einer unter vielen, immer wieder hatte er frühere Mitarbeiter in die Partei geholt, ihnen Ämter verschafft und Privilegien, als Alleinherrscher von "Volk der Freiheit". Eine Partei, die keine Kongresse kennt, keinen Vorsitz und kein Programm – weil sie ganz auf Berlusconi zugeschnitten ist. Doch jetzt begehrt diese Partei auf. Der Fall Brancher war der Anfang. Dann kam die Affäre P3. Und plötzlich diskutiert das "Volk der Freiheit" über ein Thema, zu dem Berlusconi gar nicht gefragt wird: la questione morale, die moralische Frage. Berlusconis Stellvertreter und Kontrahent Gianfranco Fini verlangt sogar, alle Parteigrößen, gegen die Ermittlungsverfahren laufen, ihrer Ämter zu entheben. Ein unglaublicher Affront gegen den Chef.

Sein Erfolg fußte auf der Staatsverdrossenheit der Italiener

Als P3 bezeichnet die Presse einen Zusammenschluss von Berlusconi-Gefolgsleuten, die ihre Parteipositionen nutzten, um sich gemeinsam mit Richtern und Unternehmern an öffentlichen Bauaufträgen zu bereichern und Einfluss auf Institutionen zu nehmen. Es geht um Geld, um Macht, um Posten. Genau wie damals bei der berüchtigten Geheimloge P2, "Propaganda Due", die in den siebziger Jahren versucht hatte, die italienische Demokratie auszuhöhlen und in der Berlusconi die Mitgliedsnummer 1816 hatte. Doch die P3 ist höchstens ein Abklatsch der P2. Die neuen Geheimbündler interessiert es nicht, einen Staat im Staate zu errichten. Sie sind weder rechts noch links, sondern Postideologen wie Berlusconi. Die Männer von der P3 wollen nur ihre Pfründen sichern in einem Gefüge, das ohnehin zu zerbrechen droht.

Die kriminelle Vereinigung der Berlusconi-Männer zeigt, an welchem Tiefpunkt die Partei und auch Italiens Demokratie angelangt sind. 18 Jahre nach den großen Korruptionsskandalen, die zur Auflösung der Democrazia Cristiana und der Sozialistischen Partei führten, scheint Italien wieder einen Prozess der Zersetzung zu erleben. Wieder gibt es Politiker, die den Staat und seine Institutionen als Selbstbedienungsladen ausbeuten. Doch anders als damals wird Korruption nicht im Auftrag der Partei und zum Füllen der Parteikassen betrieben. Heute sind die Nutznießer die einzelnen Politiker. Sie bereichern sich persönlich. Und sie schrecken dabei nicht vor Verbindungen zur Mafia zurück.