Die Kaserne sieht nicht wesentlich anders aus als andere Bundeswehrliegenschaften. Außer dass sie vielleicht etwas mehr Betonsperren vor der Einfahrt hat, die geeignet scheinen, motorisierte Selbstmordattentäter abzuhalten. Sonst: zweistöckige Wohngebäude, Verwaltungstrakt, Spezialturnhalle für Indoor-Schieß- und Geiselbefreiungsübungen (inklusive Abseilen vom Helikopter aufs Dach), ein gläsernes Konferenz- und Speisesaalgebäude, dazwischen Rasenflächen, auf denen am späten Nachmittag der eine oder andere Grill auftaucht.

Auch das Dienstzimmer von General Ammon sieht aus wie alle derartigen Chefbüros: Bild des Bundespräsidenten, Schreibtisch, Sitzgruppe, an den Wänden einige Fahnen und die üblichen Teller und Wappen, die man einander in Bundeswehrkreisen gern schenkt.

Herr General, was für Soldaten wollen Sie haben? "Keinen Klub der Supermänner", sagt Ammon: "Wir brauchen mental stabile, belastbare Männer, die sozial gut integriert sind. Bei unserem Auswahlverfahren geht es darum, herauszufinden, ob jemand den Willen hat, auch unter Schmerzen kontrolliert Leistung zu erbringen." Der General erzählt von einem Bewerber, neben dem er einmal bei einem Nachtmarsch herlief und der die Füße kaum vom Boden hob – wie sich herausstellte, weil seine neuen, zu wenig eingetragenen Stiefel diese Füße bereits in der ersten Nacht in blutiges, wundes Fleisch verwandelt hatten. Aber der Mann hielt durch, überstand den sechstägigen Test.

Die Tests für die Aufnahme ins KSK seien "das Härteste, was man in einer Demokratie verlangen darf", hat Ammons Vorvorgänger, Brigadegeneral Reinhard Günzel, einmal gesagt. Günzel ist auch der Autor des Buches Geheime Krieger, in dem vollkommen unbekümmert eine Traditionslinie von den Spezialkräften der Wehrmacht ("Brandenburger") zum Kommando Spezialkräfte gezogen wird und martialische Fotos von Kommandosoldaten beim waghalsigen Abseilen im Urwald zu sehen sind. 2003 warf der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) den General hinaus, weil der die antisemitischen Äußerungen des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann unterstützt hatte. Härtesprüche wie Günzels findet General Ammon vollkommen absurd. Im Dschungel seile man sich auch nicht mehr oft übungshalber ab, weil das kein sehr wahrscheinliches Einsatzszenario sei, sagt er ironisch.

Die Armbanduhren sind groß, aber nicht größer als truppenüblich

Der Gedanke an den Willen, blutige Füße zu ertragen, bleibt trotzdem irritierend – und auch die Erinnerung an einen Satz General Ammons aus einem Zeitungsinterview: "Unsere Soldaten müssen regelmäßig töten." Wie tritt eine Elite auf, bei der "regelmäßig töten" zum Tätigkeitsprofil gehört? Was sind das für Leute, wie lautet ihr Selbstverständnis?

Die Kommandosoldaten sehen allesamt fit und durchtrainiert aus, aber auf den ersten Blick auch nicht kerniger oder tätowierter als ihre Kollegen von der Restbundeswehr: keine Rambos, keine James Bonds. Ihre Armbanduhren sind groß, aber nicht größer als truppenüblich. Sie haben Vorbehalte gegen "die" Politik, weil sie für den Afghanistaneinsatz keine klaren Ziele formuliere, und gegen das Unverständnis der Gesellschaft fürs Militärische, die sich absolut im Rahmen des Bundeswehrdurchschnitts halten. Einen wichtigen Unterschied zur Normalbundeswehr formuliert ein 40-jähriger Hauptmann und Kompaniechef, der seit Gründung des KSK dabei ist und zuvor Fallschirmjäger war (früher galten diese als die Härtesten der Truppe). "In der ersten Zeit gab es für Spezialkräfte keine Vorschriften, und wir mussten uns alles neu erarbeiten", sagt er. "Zum Beispiel beim Gefechtsschießen im Gelände: Da galt eigentlich ein Sicherheitsbereich von 30 Grad um den Schützen herum. Aber wenn zwei Leute hintereinander in einen engen Raum gehen?"

Nicht allein die Fähigkeit zur Neuerfindung von Regeln zeichnet offenbar den Kommandosoldaten aus. Charakteristisch sei zudem seine besondere Affinität zum Soldatischen, sagt ein 32-jähriger Hauptmann, der seit fünf Jahren beim Verband ist: "Da geht es auch um den Mann an sich, den Krieger." Das sei national wie international das Gleiche, meint er: Kommandosoldaten würden einander überall auf der Welt erkennen. "Wir sind absolute Idealisten, die sich mit Leib und Seele der Sache und dem Auftrag verschrieben haben und dafür jegliche Strapazen auf sich nehmen. Und ich wollte die Eintrittskarte dazu haben, egal, wie viele harte Tage und Nächte mich das kostet, egal, ob es etwas zu essen gibt, egal, was mir wo wehtut."