Geheime Flugstunden in Russland – Seite 1

An einem Apriltag des Jahres 1928 steigt eine Gruppe von Offizieren der Reichswehr am Berliner Bahnhof Zoo in einen Zug nach Moskau. Unter ihnen ist Hans Arens, von Beruf Flieger. Ziel der Reise ist das Städtchen Lipezk, knapp 400 Kilometer südöstlich der sowjetischen Hauptstadt. Die Gruppe reist in Zivil, das Unternehmen ist geheim. Doch bei der Fahrt durch Polen bemerkt Arens, dass er und seine Kameraden unter Beobachtung stehen. Zwei Reisende geben laute Kommentare über die Reichswehr von sich und lassen erkennen, dass sie wissen, worum es geht: um die geheime Ausbildung deutscher Jagdflieger in Russland.

Kampfflugzeuge zu besitzen war dem Deutschen Reich nach dem Versailler Vertrag von 1919 untersagt, ebenso schwere Artillerie, Panzer, U-Boote und Kampfstoffe. Die Beschränkungen ließen den Chef der Heeresleitung, Generaloberst Hans von Seeckt, nach Verbündeten suchen. Es bot sich die Sowjetunion an, international ebenso isoliert wie das Reich. Nachdem Deutschland und Sowjetrussland im April 1922 im Vertrag von Rapallo die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und einen wirtschaftlichen Austausch beschlossen hatten, vereinbarte Seeckt eine militärische Kooperation mit der Roten Armee.

Während Deutschland taktische Erfahrung und technisches Know-how vermittelte, stellte Sowjetrussland Truppenübungsplätze zur Verfügung und gab logistische Unterstützung. So erprobte die Reichswehr in Kasan Panzerkampfwagen und übte im Unternehmen "Tomka" an der Wolga mit chemischen Kampfstoffen. In Lipezk schließlich bildete sie etliche Sommer lang Jagdflieger aus und ließ Fluggerät testen.

Lipezk war ein verträumtes Städtchen am Fluss Woronesch mit etwa 20.000 Einwohnern. Eine Mineralquelle ermöglichte einen bescheidenen Kurbetrieb, es gab ein bisschen Eisenverhüttung, Handwerk, einen Bauernmarkt, ein Kino. Auf einem Hochplateau über der Stadt richtete die Rote Luftflotte 1923 in einem ehemaligen Weindepot eine Fliegerschule ein und legte einen Flugplatz an. Im März 1925 traf eine Gruppe deutscher Piloten ein, besichtigte die Gebäude, kalkulierte die Kosten – und beschloss zu bleiben.

Der Leiter der geheimen Einrichtung wurde Major a. D. Walter Stahr, im Ersten Weltkrieg Kommandeur der Flieger der 7. Armee. Stahr war ein typisch preußischer Offizier, etwas steif, von schroffem Wesen, unnahbar, undiplomatisch. Russen mochte er nicht sonderlich, mit ihnen zu trinken schon gar nicht.

Dennoch ging der Aufbau zügig voran. Ingenieur Ernst Bormann entwarf zahlreiche Neubauten, darunter ein stattliches Kasino mit großer Veranda, einige Wohnhäuser, für die Flugschüler Wohnbaracken. Außerdem entstanden Magazine, Depots, Werkstätten und Garagen; Tierställe und Nutzgärten wurden angelegt. Auf dem benachbarten Flugfeld baute Bormann mehrere große Hangars, einen Motorenprüfstand, ein Starterhaus und legte Treibstofflager an. Im Sommer 1925 trafen 50 Fokker DXIII ein. Es war das beste Jagdflugzeug, das damals zu haben war.

Unruhig wartete Stahr die Montage der in Kisten verpackten Maschinen ab – und die ersten Versuche. Wie die DXIII geflogen werden musste, wusste niemand. "Der 2. Flug gleich, was der Mensch in dieser Richtung haben will. Gute Klasse, ich selbst und vor allem Russen haben Bauklötze gestaunt", berichtete Walter Stahr seinem Freund Helmuth Wilberg im Berliner Truppenamt. "Die Kisten sind sehr Ia mit großer Liebe und Verstand gebaut."

Kurz darauf reisten die ersten Flieger an – Weltkriegspiloten, die ihre "Flugfrische" erneuern sollten. Der Versuch endete enttäuschend. Während Werner Junck, Carl August von Schoenebeck und Emil Thuy ausgezeichnet flogen, war das Gros der nach Lipezk eingeladenen Flieger, darunter der Pour-le-Mérite-Träger Karl Bolle, von der rasanten Fokker schlicht überfordert. Um ein Haar hätte es ein Unglück gegeben: Pilot Friedrich August von Köckritz flog zu langsam und schmierte zweimal ab. "Gott sei Dank fing er aber [das] Ding immer bei 500 Meter über der Erde, sonst hätten wir ersten Toten gehabt", schrieb Stahr. Die Stimmung war schlecht. "Wenn wir das nicht schaffen, wer dann?", fragten die Weltkriegspiloten verärgert. Wer sich indes bewährte, hatte gute Chancen, in der Schule Karriere zu machen.

Die frühen Jahre waren die harmonischste Zeit in Lipezk. In den russischen Berichten werden die Deutschen meist als drusja – Freunde – bezeichnet (später allerdings in Anführungszeichen). Ein Glücksfall war der Verbindungsoffizier Sinowij Rajwitscher, der die Deutschen sehr mochte. Russische Piloten der benachbarten Esquadrille wurden an der Fliegerschule in Kurzlehrgängen trainiert. "Sie waren fliegerisch sehr weit zurück", erinnerte sich Schoenebeck, Leiter der Jagdfliegerausbildung. Kein einziger von ihnen wird in der russischen Literatur namentlich genannt, als ob dies ein Tabubruch wäre. Manche sind in deutschen Berichten verzeichnet: Stepan Korol, der es später bis zum General brachte, Jewgenij Ptuchin und Pjotr Pumpur, die beide im Spanischen Bürgerkrieg kämpften, Adolf Ulsen, der 1943 im Gulag umkam.

Bis zu 3,9 Millionen Reichsmark im Jahr ließ sich Deutschland die Fliegerschule in Lipezk kosten, die Ausgaben wurden im Etat sorgsam verschleiert. Obwohl sich die Reichswehr um Geheimhaltung bemühte, war die Konspiration dilettantisch. So lag die deutsche Verbindungsstelle zur Roten Armee, die "Zentrale Moskau" im Stadtviertel Arbat, unmittelbar neben der britischen Gesandtschaft; die polnische Botschaft befand sich schräg vis-à-vis, 100 Meter entfernt. Wer wissen wollte, wer bei Oberst von der Lieth-Thomsen so alles ein und aus ging, brauchte sich nur ans Fenster zu stellen. Als Anfang Dezember 1926 der Manchester Guardian über die Militärkooperation auspackte, war der Skandal da. Die Regierung unter Reichskanzler Wilhelm Marx musste zurücktreten, fast ein Jahr lang ruhte die Zusammenarbeit.

Die sowjetischen Armee-Ingenieure haben ihre Augen und Ohren überall

Die sowjetischen Armee-Ingenieure haben ihre Augen und Ohren überall

Doch als wäre nie etwas gewesen, ging es schon 1928 weiter. Nach der enttäuschenden Erfahrung mit den Weltkriegspiloten wollte das Truppenamt nun jedes Jahr etwa 30 junge Offiziersanwärter an der Deutschen Verkehrsflieger-Schule in Oberschleißheim bei München zu zivilen Piloten ausbilden lassen, von denen im folgenden Jahr die bessere Hälfte nach Lipezk verpflichtet werden sollte. 1929 konnte dort der erste Jahrgang antreten.

Für das Jahr 1928 indes behalf man sich mit einer Auswahl verdienter, nicht mehr ganz junger Offiziere, die noch das Fliegen lernen sollten. Von den rund 40 Teilnehmern erreichten später 17 den Rang eines Generals, darunter Kurt Pflugbeil, Hermann Plocher, Hans Seidemann, Helm Speidel und Karl Veith. Das Jahr verlief chaotisch: Der Sommer kalt und verregnet, die Schule noch immer im Aufbau, die Lehrgänge schlecht organisiert, es gab zu wenig Fluglehrer. "Ich habe hier die Nase überreichlich voll!", klagte Hans Arens in einem Brief. "Ein halbes Jahr lang nur 1 Stunde Dienst pro Tag ist eben zu wenig." Nach drei Monaten konnte er zum ersten Mal Luftkampf üben: "Der Kampf besteht darin, daß man [...] immer enger als der andere kurvt und dabei zu steigen versucht, so daß man schließlich hinter und über den anderen kommt, daß man zum Schuß kommt." Schoenebeck, sein "Gegner", war mit ihm zufrieden.

Stahrs größte Bemühung galt dem Aufbau einer Gruppe von Stammfliegern, aus denen er zwei Lehrstaffeln zu je elf Piloten bildete, die gegeneinander in Gefechtsformation trainieren konnten. Unter der Leitung von Schoenebeck und Josef Mai, beide Fliegerasse des Ersten Weltkrieges, entwickelten die Stammpiloten eine "Jagdflieger-Anleitung", die genau festlegte, welche Anforderungen die Flugschüler erfüllen mussten. Unter dem harmlos erscheinenden Punkt "Angriff gegen Zweisitzerverbände" beschäftigte man sich mit einer besonderen Herausforderung: dem Angriff von Jägern gegen geschlossene Bomberverbände. Lange war man im Truppenamt der Überzeugung gewesen, dass solche Angriffe erfolglos sein würden. Zwar konnte die Anleitung hier noch keine letzte Antwort bieten, doch gelang es den Stammfliegern in Lipezk wenig später, zusammen mit ihren russischen Kameraden die taktische Lösung zu finden.

Allerdings hatten die Russen, trotz dieser praktischen Zusammenarbeit, eigentlich anderes erwartet. Nachdem die Lipezker im Spätsommer 1928 in der Nachbarstadt Woronesch – unter großzügiger Inanspruchnahme der Hilfe aus der Roten Armee – ein Manöver der Beobachterstaffel beendet hatten, schlug die Stimmung um. Die Russen sahen sich ausgenutzt und in die Statistenrolle gedrängt. Im September 1929 besuchte Pjotr Baranow, Chef der Roten Luftflotte, die Fliegerschule und stellte vor dem versammelten Personal klar, dass es so nicht weitergehe, an Ausbildung sei man nicht interessiert. In einem eilig herbeigeführten Burgfrieden willigte die Reichswehr ein, in Lipezk fortan mehr Flugzeuge als bisher technisch zu erproben.

Die Ausbildung der Beobachter wurde nach Braunschweig verlegt, an ihrer Stelle trafen nun in Scharen Testpiloten und Firmeningenieure ein. Sie arbeiteten meist auf einem Gelände einige Kilometer nördlich der Stadt. Dort erprobten sie neue Flugzeugmuster und Bombentypen, Abwurfvorrichtungen und Zünder, arbeiteten mit neu entwickelten Luftbildkameras und Visieren, Maschinengewehren und Funkgeräten – alles unter ständiger Beobachtung sowjetischer Armee-Ingenieure, die neugierig ihre Augen und Ohren überall hatten. Jedes Jahr im September reiste für einige Tage eine hochrangige Kommission der Roten Luftflotte an, um sich die Ergebnisse offiziell vorführen zu lassen.

Für die schärfere Gangart, die Baranow angekündigt hatte, wurde ein geeigneter Verbindungsoffizier mit Namen Wladimir Orlow eingesetzt, ein hartgesottener, durchaus schlitzohriger Charakter. Mit größeren Kompetenzen ausgestattet, machte er Walter Stahr das Leben schwer. Die Situation eskalierte Ende 1929, als der Geheimdienst Beschuldigungen vorbrachte, deutsches Personal betreibe einen schwunghaften Handel mit Bekleidung. In der Stadt kam es zur ersten Verhaftungswelle in Zusammenhang mit der Fliegerschule. Da der Konflikt zwischen Stahr und Orlow nicht zu lösen war, einigten sich Reichswehr und Rote Armee darauf, die Streithähne zu versetzen.

Für Orlow kam als neuer Verbindungsoffizier Eduard Tomson, ein Pilot des Ersten Weltkriegs, stets misstrauisch, von kleinkariertem Zuschnitt. Im Russischen Militärarchiv in Moskau lässt sich nachlesen, wie er die Einweisung seiner Ingenieure leitete, die wochenlang geschult wurden: in deutscher Sprache und Technik, wie sie sich taktisch zu verhalten hatten und in Betriebsspionage. Der naiv anmutende Vorwurf "Sie haben uns nicht alles gezeigt!", der in zahllosen Berichten widerhallt, schien jede Spionage zu rechtfertigen. Apparaturen, die in Lipezk zur Erprobung eingetroffen waren, wurden nicht selten nachts aufgeschraubt, untersucht, fotografiert – und unsachgemäß wieder zusammengesetzt. So mancher Firmeningenieur raufte sich da die Haare.

Noch im April 1941 zeigt Stalin den Deutschen seine Rüstungsfabriken

Noch im April 1941 zeigt Stalin den Deutschen seine Rüstungsfabriken

Trotz aller Spannungen führten die meisten Angestellten der Fliegerschule ein recht angenehmes Leben; die Gehälter, anfangs sogar in Dollar ausbezahlt, waren ausgezeichnet. So hätte sich ein Fluglehrer wie Albert Blumensaat in Berlin nur einen recht bescheidenen Lebensstandard leisten können; in Lipezk bewohnte er mit Frau und Kind ein neues, stattliches Holzhaus samt Garten, mit Köchin und Kinderfrau. Man lud sich gegenseitig ein, feierte die Feste, wie sie kamen, unternahm Segeltouren, Kanupartien und Jagdausflüge – die Wolfsjagd war besonders beliebt – oder sonnte sich am Strand von Lipezk. In ihren Tweedanzügen, mit Knickerbockern und Schlägermützen waren die Deutschen leicht zu erkennen. Und wenn der Bayer Max Ibel in seinen Lederhosen die Dörfer der Umgebung erwanderte, ausgiebig fotografierte und mit den Bauern plauderte, wurden die Heimatforscher vom Geheimdienst OGPU unruhig und schrieben einmal mehr eine Notiz über die fidelen Deutschen von der "Awiaschkola".

Im Herbst 1933 endete die Zusammenarbeit. Der Grund war keinesfalls ein Machtwort Hitlers, sondern eine bereits im Sommer 1932 unter ökonomischen Gesichtspunkten getroffene Entscheidung: Ausbildung und Erprobung ließen sich, nachdem die Versailler Bestimmungen gelockert worden waren, mit weniger Aufwand in Deutschland viel effektiver durchführen.

Es gehört zu den erstaunlichen Erkenntnissen aus Lipezk und den anderen Unternehmungen der Kooperation, dass bereits damals das militärische Denken der späteren Gegner erkennbar ist. Trotz der umfangreichen Erprobungen legte die Reichswehr vor allem Wert auf taktische Ausbildung – im Gegensatz zu den Russen, deren Technikhunger unstillbar schien. Wenn man bedenkt, wie schwer sich ein talentierter Pilot wie Günther Lützow bei der Ausbildung in Lipezk tat, begreift man, wie hoch die Anforderungen waren. Taktik wurde intensiv trainiert – an der Landkarte, am Sandkasten, beim Fliegen. Die Kursanten sollten anhand von Schlachten des Ersten Weltkrieges taktische Aufgaben lösen. Dabei kam es immer auf Schnelligkeit an, nie auf akademische Darlegung: Innerhalb von Minuten mussten sie, die nicht einmal Offiziere waren, Entscheidungen treffen und begründen.

Dahinter stand eine Eigenart des deutschen Militärs: die Auftragstaktik. Keine Armee hatte sie so verinnerlicht wie die deutsche. Sie bedeutet, dass ein Offizier bei einem Einsatzbefehl selbst über die taktischen Mittel entscheidet. Ihm wird nur der Auftrag erteilt, das heißt das Ziel vorgegeben, alles andere ist seine Sache. Klingt einfach, ist wirkungsvoll, aber schwer zu erreichen. Es setzt viel voraus: gute Ausbildung, das Training selbständiger Entscheidungen, gegenseitiges Vertrauen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen.

Für die Sowjets war die Auftragstaktik undenkbar. Immer wieder fiel den deutschen Offizieren auf, wie sehr die Rotarmisten an ihren Vorschriften klebten. Für jede Situation mussten Anordnungen her, die stur auswendig gelernt wurden. Die Rote Armee wollte den reinen Befehlsempfänger.

Etwa 120 Jagdpiloten und 100 Beobachter wurden in Lipezk ausgebildet. Beim Ausbau der Luftwaffe von 1933 an, der nach den Jahren in Lipezk aus dem Stand beginnen konnte, nahmen sie Schlüsselpositionen ein. Mehr als ein Dutzend von ihnen wurde im Spanischen Bürgerkrieg als Jagdflieger eingesetzt, wie Eberhard d’Elsa, Harro Harder, Günther Lützow, Douglas Pitcairn, Günther Radusch und Hannes Trautloft. Auch auf der Gegenseite traten in Spanien "Lipezker" auf, darunter Ptuchin und Pumpur. Nicht auszuschließen, dass sich einige im Luftkampf begegneten.

Später, während des Kriegs gegen die Sowjetunion, entgingen die Stätten der einstigen deutsch-sowjetischen Militärkooperation der Besatzung. Im Juli 1942 allerdings gelang es deutschen Fliegern, den Flugplatz von Lipezk zu attackieren, auf dem viermotorige Bomber lagen. Ironie der Geschichte: Es war ein ehemaliger Lipezker Flugschüler, der den Angriff führte.

Walter Stahrs Leben endete in Not und Elend. 1938 als Generalmajor ausgeschieden, zog er sich nach Bad Saarow östlich von Berlin zurück. Seine beiden Söhne fielen kurz vor Kriegsende. Stahr, der vor der Roten Armee nicht hatte fliehen wollen, wurde mehrmals vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und verhört, obwohl er im Krieg keinen einzigen Tag im Einsatz gewesen war. Rotarmisten überfielen das einsam gelegene Wohnhaus, vergewaltigten seine Frau und seine Tochter, die daraufhin Selbstmord beging. Er selbst wurde angeschossen. Im März 1948 starb er an Erschöpfung.

Als die Bundeswehr gegründet wurde, waren nicht wenige Lipezker zur Stelle: Josef Kammhuber wurde Inspekteur der Luftwaffe, Hermann Plocher und Hannes Trautloft wurden zu stellvertretenden Inspekteuren ernannt, Max Ibel brachte es bis zum Brigadegeneral, Douglas Pitcairn diente als Oberst.

Bleibt die Frage, wie die Wehrmacht, die das militärische Potenzial der Sowjetunion so gut kannte, das Land überfallen und in den grausamsten Krieg des 20.Jahrhunderts stürzen konnte. Die Deutschen verfügten über einen ganzen Stab von Experten, von denen viele exzellent Russisch sprachen und jahrelang im Land gelebt hatten. Kein anderes Militär kannte die Rote Armee und die sowjetische Rüstungsindustrie so gut wie das deutsche.

Zu denken gibt besonders eine Episode aus dem April 1941: Stalin lud eine Gruppe von Offizieren der Luftwaffe, darunter mehrere Lipezker, zu einer Besichtigungsreise ein, auf der es auch die neuesten Rüstungsfabriken zu sehen gab. Die Deutschen waren beeindruckt, vor allem von den gigantischen Dimensionen der Flugzeug- und Motorenwerke, und schrieben einen deutlichen Bericht. Er wurde ignoriert. Hitler und seine Generäle wollten nur eins: den Krieg.

Der Autor ist Publizist und lebt in Berlin