Ton Harmes glaubt. Er glaubt, dass E-Books gedruckten Werken niemals den Rang ablaufen werden. In seiner Heimatstadt Maastricht suchte er im Auftrag der Buchhandelskette Selexyz jahrelang nach dem Standort für einen neuen Laden, der besonders und bezahlbar sein sollte. Schließlich wurde Harmes fündig. In einem der ältesten Kirchengebäude der Niederlande, das zuvor leer gestanden hatte, eröffnete der Buchhändler 2006 auf einer Verkaufsfläche von 1000 Quadratmetern das Selexyz Dominicanen. Laut einer Umfrage der englischen Zeitung The Guardian gehört die Filiale mittlerweile zu den schönsten Buchhandlungen der ganzen Welt.

"Ich habe mich natürlich wahnsinnig über die Auszeichnung gefreut", sagt Ton Harmes. "Auch weil Maastricht dadurch international bekannter wird." Die mittelalterliche Festungsstadt, findet der Buchhändler, führe zu Unrecht ein Schattendasein. Sie besticht durch ihre vorzüglich erhaltene Bausubstanz. Und das Leben verläuft geruhsamer als in Rotterdam oder Amsterdam. Hier, in der Hauptstadt der Südprovinz Limburg, gewinnt man den Eindruck, die Bewohner hätten den Müßiggang erfunden. Das Maasufer wurde erst kürzlich vom Autoverkehr befreit. Man kann ungestört am Fluss flanieren, elegant einkaufen und gut essen am Fuße des Sint Pietersbergs. Harmes schätzt das beinahe südländische Lebensgefühl, aber auch den Mut der Stadtväter, Ungewöhnliches auszuprobieren. Wer traut sich das schon: Dutzende ungenutzte Kirchen, Kathedralen und Basiliken konsequent einer neuen Bestimmung zuzuführen?

Mit 53 Kirchen besitzt Maastricht, die älteste Stadt der Niederlande, deutlich mehr Gotteshäuser, als die 120.000 Einwohner benötigen. Schon während der französischen Besatzung im 18. Jahrhundert wurden etliche von ihnen entweiht, dienten als Pferdeställe, später als Fahrradgaragen – oder standen einfach leer. Vor einigen Jahren begannen die protestantischen und katholischen Gemeindeverwaltungen, verstärkt nach neuen, weltlichen Mietern zu suchen. Die Universität Maastricht samt Bibliothek, Vorlesungssälen und Verwaltungsgebäude, das Naturhistorische Museum und das prunkvolle Theatercafé La Bonbonnière sind allesamt in ehemalige Gotteshäuser umgezogen. Besonders beliebt ist das Selexyz Dominicanen.

In seinem Laden, wo noch vor 200 Jahren Dominikanermönche beteten, ist Ton Harmes damit beschäftigt, eine Liste für die Neubestellungen auszufüllen. Ab und zu hebt er den Kopf und blinzelt hinüber zu den Mosaikfenstern, schaut den zarten Sonnenstrahlen nach, die bunte Lichtkegel an die roten Backsteinmauern werfen. Dann läuft er zu einem Fresko, das gerade restauriert wird. Aus der Nähe begutachtet er die Arbeit, nickt zufrieden und geht dann rückwärts zur Ladenkasse, die meterhohe Farbfläche nicht aus den Augen lassend. Er ist stolz darauf, dass durch den Umbau wertvolle Wandgemälde aus vergangenen Zeiten wiederentdeckt wurden und nun restauriert werden können. Das Motiv aus dem 14. Jahrhundert, das Thomas von Aquin darstellt, mag er besonders.

Er sagt, dass es beim Umbau eine große Herausforderung gewesen sei, die 50.000 Buchtitel in der Vertikalen anzuordnen. Denn der sakrale Raum bietet vor allem Platz in der Höhe. Die Freiheit zum Himmel unter dem 23 Meter hohen Deckengewölbe galt es zu bewahren und zu nutzen. Deshalb wurden die üblichen Büchertische bei Selexyz Dominicanen nur im Eingangsbereich aufgestellt. Wer mehr will, muss Stufen erklimmen oder den Aufzug nehmen. Vor den Regalen sind frei im Raum Stege installiert, auf denen man in die einzelnen Abteilungen gelangt. Schwindelfrei zu sein ist von Vorteil.

Damit die Mitarbeiter sofort finden, was sie suchen, sind alle Bücher mit einer Chipkarte versehen, die dem Computer den aktuellen Standort signalisiert. Eine praktische Sache, denn oft wird die Lektüre nicht zurück ins Regal gestellt, viele Exemplare bleiben im Coffeelovers liegen, dem gemütlichen Lesecafé. Dort, wo einst der Altar stand, sitzt die Kundschaft an kleinen Tischen und einer lang gezogenen, kreuzförmigen Tafel bei Latte macchiato und Schokomuffins, mit einem Buch in der Hand. Das Coffeelovers residiert unter einem gewaltigen, mühlenradartigen Kronleuchter und ist ebenso wie der Buchladen auch sonntags geöffnet. Wie es sich für ein Kirchengebäude gehört.

Für Ton Harmes ist dieses Haus trotz der weltlichen Nutzung immer noch eine heilige Stätte, die er mit dem entsprechenden Respekt behandelt. "Falls es mal wieder anders kommen sollte, hätten wir nichts zerstört, eher wiederhergestellt." Sämtliche Regale lassen sich wieder abbauen, ohne Spuren an dem denkmalgeschützten Gemäuer zu hinterlassen. Nichts wurde an die Wände geschraubt oder genagelt.