Oftmals lässt sich die Bedeutung eines Kunstwerks doch recht zuverlässig an seinem Preis erkennen. Das zeigt auch das Beispiel einer kürzlich bei Sotheby’s in New York versteigerten Marmorgruppe aus der römischen Kaiserzeit. Die Drei Satyrn im Kampf mit einer Schlange, die erst Anfang dieses Jahres in einer österreichischen Sammlung wiederentdeckt worden waren, erzielten rund dreieinhalb Millionen Dollar – kein schlechtes Ergebnis für das leicht beschädigte Stück. Für Kunstwerke der Antike werden sonst eher lächerlich geringe Preise gezahlt, verglichen mit den Zuschlägen für moderne oder zeitgenössische Malerei.

Der unbekannte private Käufer mag gewusst oder zumindest geahnt haben, dass es sich hier um etwas ganz Besonderes handelt. Tatsächlich ist die bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts bekannte, aber wenig später verschollene Gruppe der Drei Satyrn von herausragender Bedeutung für die Kunstgeschichte der Renaissance, denn sie kann als erster zuverlässiger Ausgangspunkt für unser Verständnis der Anfänge Michelangelos als Bildhauer gelten. Und sie könnte zum Prüfstein für sein Antikenverständnis werden.

Tatsächlich scheint ja die Antike in zahlreichen Werken Michelangelos eine Rolle zu spielen, aber wenn man nach den konkreten Inspirationsquellen fragt, fallen die Antworten zumeist eher vage aus. Das gilt besonders für sein frühestes Werk, für die sogenannte Kentaurenschlacht, die nun sehr konkret mit den Drei Satyrn in Verbindung gebracht werden kann.

Die Entdeckungsgeschichte der New Yorker Marmorgruppe ist gut dokumentiert. Aufgefunden bei Grabungen in Rom, gelangten die Drei Satyrn 1489 in den Besitz Lorenzos de’ Medici in Florenz und damit in eine der bedeutendsten Antikensammlungen der Renaissance. Die unweit des Klosters von San Marco in einem Garten untergebrachte Kollektion galt als Treffpunkt und informelle Lehranstalt der jungen Talente unter den Florentiner Bildhauern, und kein Geringerer als Michelangelo hatte hier die subtileren Seiten der Bildhauerei erlernt. Nach dem Tod Lorenzos im Jahr 1492 wurden die Exponate in alle Welt zerstreut. Was blieb, war der Ruhm des Gartens als Wiege einer neuen Bildhauerkunst. Diesen Ruhm hielten etliche Forscher sogar für zu legendär, um wahr zu sein. Bisweilen galt der "Garten von San Marco" als eine Erfindung.

Mit dem Wiederauffinden der Marmorgruppe wird deutlicher als je zuvor, dass das früheste unstrittig zugeschriebene bildhauerische Werk Michelangelos, die Kentaurenschlacht aus dem Jahr 1492, maßgeblich von einem prominenten Stück aus der Sammlung seines Gönners Lorenzo de’ Medici inspiriert wurde. Das lehrt ein detaillierter Vergleich der beiden Werke. So gewinnt die zunächst unübersichtlich anmutende Ansammlung bewegter Männerakte auf Michelangelos Relief durch den Blick auf die Drei Satyrn an Struktur. Aus dem vermeintlichen Chaos der nackten, oft miteinander verschlungenen Leiber des Reliefs stechen zwei Figuren ganz besonders hervor: ein fast genau in der Mitte platzierter junger Mann mit angewinkelt erhobenem linken Arm und der ganzfigurige Akt eines weiteren Mannes, dessen Blick sich mit dem seines Gegenübers zu treffen scheint. Sowohl Kontur und Haltung der beiden Figuren als auch ihr Bezug aufeinander finden sich bereits in der antiken Marmorgruppe mit den drei Satyrn. Eine weitere Parallele darf man in der teilweise nur grob behauenen Oberfläche sehen. Sie findet sich sowohl auf der Standfläche der Drei Satyrn als auch im Mittelgrund von Michelangelos Kentaurenschlacht.

Die genannten Übereinstimmungen können kein Zufall sein, und sie lassen Michelangelos Anfänge als Bildhauer ebenso wie seine spätere Auseinandersetzung mit der Antike in völlig neuem Licht erscheinen. Die Chuzpe beispielsweise, mit der er kurz darauf in seinem Bacchus ein antikes Thema nachahmt und zugleich persifliert, findet in der Auseinandersetzung mit den Drei Satyrn eine Vorbereitung, ebenso die künstlerische Souveränität, mit der Michelangelos David an das heroische Figurenideal der Antike anknüpft.

 

Auch die legendenhafte Überlieferung, dass der junge Künstler sich als Imitator und Fälscher antiker Werke betätigt habe, gewinnt erheblich an Glaubwürdigkeit. Sogar der Einsatz grob behauener Flächen als Gestaltungsmerkmal, bekanntlich ein typisches Stilmittel Michelangelos, geht auf seine Rezeption der Drei Satyrn zurück. Mit ähnlich grob behauenen Flächen wird Michelangelo wenig später in seinen Florentiner Marmortondi das non finito als Stilmerkmal seiner Bildhauerkunst einführen. Diese Idee des Unvollendeten, die unser Michelangelo-Bild bis heute maßgeblich prägt, charakterisiert also nicht erst seine mittleren und späten Schaffensphasen. Sie ist auch nicht das Resultat einer nicht zu bewältigenden Auftragsflut. Sie folgt bereits aus Michelangelos Auseinandersetzung mit den Drei Satyrn!

Deutlich skeptischer wird man jetzt die bislang für Michelangelos Kentaurenschlacht benannten Vorbilder diskutieren. Oft wurden antike Sarkophage oder Gemmen angeführt. Bis heute gelten außerdem die Rossebändiger auf dem Quirinal in Rom als mögliche Vorbilder für Michelangelo, aber auch mehrere antike Einzelfiguren und die Werke seines Künstlerkollegen Bertoldo di Giovanni. Diese "Vorbilder" kann man nun getrost ad acta legen. Denn die Drei Satyrn lehren letztlich, wie konkret Michelangelo ein antikes Vorbild verarbeitete.

In einem anderen Licht erscheinen auch die Kontroversen um die Deutung der Kentaurenschlacht. Sie beginnen bereits zu Lebzeiten des Künstlers. Schon die beiden Biografen Michelangelos, Ascanio Condivi und Giorgio Vasari, konnten sich nicht einigen, was auf dem Relief eigentlich zu sehen sei. Der eine identifiziert "den Raub der Deianira und den Kampf der Kentauren", der andere den "Kampf des Herkules mit den Kentauren". Diese Unsicherheit zieht sich seither durch die gesamte Forschung, ablesbar an den bislang für die Deutung des Reliefs vorgeschlagenen Quellen. Genannt wurden beispielsweise Philostrat, Plutarch, Lukrez, Ovid und Hyginus, als jüngere Autoren Giovanni Boccaccio, Francesco Petrarca, Coluccio Salutati und Cristoforo Landino. Das sind zwar deutlich weniger als die für die Sixtinische Decke ins Feld geführten Texte, aber immer noch zu viele. Mehr als eine Quelle dürfte der junge Michelangelo für die Kentaurenschlacht kaum im Sinn gehabt haben. Die Drei Satyrn und deren Einfluss auf das früheste bildhauerische Werk Michelangelos zeigen, dass es manchmal doch eher die Beispiele antiker Kunstwerke und weniger die Texte waren, an denen sich die Künstler orientierten. Diese formale Orientierung schließt natürlich eine auf Texten gründende Deutung nicht aus. Aber den ikonologischen Overkill, dem die Werke Michelangelos seit Jahrzehnten ausgesetzt sind, sieht man mit Blick auf die Drei Satyrn und ihren Widerschein in der Kentaurenschlacht doch deutlich skeptischer.

Frank Zöllner lehrt Kunstgeschichte an der Universität Leipzig und ist Mitautor des 2007 erschienenen Werkkatalogs zu Michelangelo