ZEITmagazin: Herr Reuter, Sie waren als Manager bei Daimler-Benz über Jahrzehnte Teil der sogenannten Deutschland AG. War das ein sehr homogenes Milieu?

Edzard Reuter: Ja, ganz und gar. Die Führungsschichten der Wirtschaft rekrutieren sich immer selber.

ZEITmagazin: Warum tun sie das?

Reuter: Man greift lieber auf denjenigen zu, von dem man meint, sicher sein zu können, dass er so ist wie man selber. Da weiß man, der fällt nicht aus der Rolle und schlägt keine krummen Wege ein. Das einzige Ausnahmebeispiel damals war Hanns Martin Schleyer, er gehörte nicht dazu. Der war im Prinzip ein Nazifunktionär, der schrittweise in diese Gesellschaft hineinkam, aber zum Beispiel im Unterschied zu den klassischen Ruhrbaronen ein ausgesprochen liberales Verhältnis zu den Gewerkschaften hatte. Er hatte kapiert, dass man nicht gegen die Belegschaft eines Unternehmens erfolgreich sein kann. Wo die Wurzeln dafür lagen, weiß ich nicht, vielleicht in der volksgemeinschaftlichen Prägung durch den Nationalsozialismus.

ZEITmagazin: Sie wurden noch in der Weimarer Republik geboren, sind während des "Dritten Reichs" mit Ihrer Familie nach Istanbul emigriert und haben Ihre beruflichen Erfolge in der Bundesrepublik gehabt. Gab es in diesem bewegten Leben Situationen, in denen Sie gerettet werden mussten?

Reuter: Natürlich gibt es in jedem Leben Situationen, wo man sich verdammt beschissen und allein fühlt und wo es dann durchaus eine Rettung bedeuten kann, dass einem jemand hilft. Das hat es bei mir auch gegeben.

ZEITmagazin: An welche Situation denken Sie als Erstes?

Reuter: Ich wurde 1934 in Magdeburg eingeschult, wo mein Vater Oberbürgermeister gewesen war. Zu dem Zeitpunkt war er schon abgesetzt und ins KZ verbracht worden. Ich ging damals voller Euphorie mit der Schultüte unter dem Arm in die Schule. Dort wurde ich jedoch von einem sehr eisigen Klassenlehrer empfangen. Der teilte mir sogleich einen Sitzplatz in der letzten Reihe zu, direkt unter dem Bild von Adolf Hitler. Ich wusste natürlich, dass unser familiäres Unglück mit Hitler zu tun hatte. Am nächsten Tag verpasste mir dieser Lehrer Nachsitzen. Für nichts und wieder nichts. Das war für mich eine furchtbare Demütigung. Der Lehrer war ein strammer Nazi und ließ mich spüren, was er von meiner Familie hielt. Ich bin heulend nach Hause gekommen und habe das meiner Mutter erzählt. Und da hat sie mir etwas vermittelt, was ich in meinem weiteren Leben immer wieder bei meinen Eltern beobachten konnte: in Situationen der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit davon überzeugt zu bleiben, dass man nichts Falsches getan hat, dass man sich bemüht hat, das Richtige zu tun, und dass die Zeit das erweisen wird. Also trag das, ertrag das. Das ist eine wesentliche Lehre gewesen, die sehr mit dem politischen Schicksal meiner Eltern zusammenhing. Sich nicht in Selbstjammer fallen zu lassen, sondern das Schicksal anzunehmen.

ZEITmagazin: Hat Ihnen diese Kindheitslektion geholfen, als Sie 1995 Daimler verließen und man Sie allgemein für gescheitert erklärte?

Reuter: Die Reaktionen, die nach meinem Ausscheiden aus dem Unternehmen kamen, sind eine schwere, böse Demütigung gewesen, die zu ertragen war.