Sieht aus wie Jamie Oliver!", schwärmt Claudia Roth, die grüne Bundesvorsitzende, über ihren Parteifreund Robert Habeck. "Und ist so sympathisch!" Bei der CDU beobachten sie den Fraktionsvorsitzenden der schleswig-holsteinischen Grünen schon seit Längerem mit Angst und Schrecken: "Hier trachtet jemand nach dem konservativen Tafelsilber. Die Unionsparteien müssen reagieren", notiert ein Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Grund: Habecks kürzlich erschienenes Buch Patriotismus – ein linkes Plädoyer. Für seine Sommerreise hat sich Habeck lauter stolze Orte der Landesgeschichte ausgesucht, traditionell "konservatives" Terrain. Der 40-Jährige steht für die jüngste Verwandlung seiner Partei: Grün ist die neue Volkspartei.

In Baden-Württemberg stehen die Grünen in jüngsten Umfragen bei 20 Prozent, Habeck hat die Hürde in Schleswig-Holstein schon an Ostern genommen. Innerhalb von fünf Jahren hat der Flensburger, der bereits als Nachfolger des früheren Bundesvorsitzenden Reinhard Bütikofer im Gespräch war, die Grünen in seinem Land neu erfunden. CDU-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen lobt ihn vorsichtshalber über den grünen Klee. So sachlich! So pragmatisch! Sollte es in Kiel Neuwahlen geben – entweder weil das Landesverfassungsgericht am 30.August der CDU die Überhangmandate aberkennt oder weil die eine Stimme Mehrheit für Schwarz-Gelb irgendwie abhandenkommt –, dann könnte Habeck glatt zu einem Herausforderer anschwellen. Auch dass der vierfache Familienvater mit seiner Frau Krimis und Kinderbücher schreibt, beschert ihm Aufmerksamkeit.

Als Habeck 2005 seinen ersten Wahlkampf als Landesvorsitzender führte, lag die Partei am Boden. Joschka Fischer steckte in der Visa-Affäre, die Hartz-IV-Mühlen begannen zu mahlen, und er sollte das alles an Infoständen verantworten, ohne es je gewollt zu haben. "Alles zerrann uns zwischen den Fingern. Das war nicht mein Spiel", erinnert sich Habeck. Rot-Grün, so glaubt er heute, hätte damals den "Überbau" aus dem Blick verloren, warum man das alles überhaupt mache, das Ja zum Gemeinwohl, zur "Gemeinschaft" – ein Wort, so Habeck, "dass viele von uns noch heute nicht in den Mund nehmen können". Schriften wie Richard Rortys Achieving Our Country fielen ihm in die Hand, der den Linken vorwarf, es sich in einem unpolitischen Hass auf ihr Vaterland gemütlich gemacht zu haben. Jürgen Habermas’ "Verfassungspatriotismus" ließ sich auch recyceln. "Patriotismus ohne Deutschland" nennt es Habeck; denn Nationalismus soll auf keinen Fall dabei sein. Fähnchen schwenken ist okay, solange es irgendwelche Fähnchen sind.

Aber hat sich diese Haltung nicht längst durchgesetzt, spätestens seit dem deutschen Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft 2006? Beileibe nicht, meint Habeck. Als er noch Anfang dieses Jahres auf einer Klausurtagung der Fraktion ein Papier vorlegte, in dem beispielsweise das zauberhafte Rio-Reiser-Haus in Fresenhagen "Heimat" genannt wird, da waren einige Parteifreunde den Tränen nahe. "Bei uns sagt man nicht ›Heimat‹, schon gar nicht ›Patriotismus‹, und man sagt auch nicht ›Mütter‹ und ›Väter‹; man spricht von ›Frauen mit Kindern‹", erzählt Habeck, der auch ein Buch über Verwirrte Väter geschrieben hat.

In Schleswig-Holstein heißt Patriotismus für Habeck, nach dem modernen Potenzial des Landes auch schon in seinen Anfängen zu suchen. Auf seiner Sommerreise besucht er Stätten der Revolution von 1840 bis 1848 – von Sylt bis Hamburg. Die Habeck-Grünen wollen nicht den Fehler des früheren Landesverbandes machen und nur auf die städtischen Wählerschichten schielen. Auch mit Bauern kann man reden! Die Grünen von gestern waren für die konservativen Landwirte "Ökostalinisten": zum Beispiel, als sie 24.000 Hektar auf der Halbinsel Eiderstedt unter Schutz stellen wollten. Ökonomie und Ökologie gingen eben nicht so einfach ineinander auf, wie sich das der grüne Bundesvorstand oft denke; und da soll man dann den Bauern auch "keinen Scheiß erzählen".

Praktisch über Nacht hat eine Bürgerinitiative gegen CCS, die Kohlendioxidspeicherung im Boden, Anfang 2009 jede Landstraße an der Küste mit schwarz-gelben Plakaten überzogen, auf denen unter einer Gasmaske steht: "Stoppt den Wahnsinn". Es ist ein konservativer, ländlicher Protest, an den Grünen vorbei. An der CDU aber auch: Seit Bundeskanzlerin Angela Merkel sich auf einer Kundgebung lustig machte, vor einer Sprudelflasche hätte man doch wohl auch keine Angst, heißt sie hier nur noch "die Sprudelflasche".

"Die CDU kann nicht mehr erklären, was Schleswig-Holstein ist", glaubt Habeck, "die SPD kann es auch nicht." Es war Habecks Glück, dass die Sozialdemokraten nach dem Desaster der missglückten Wiederwahl von Heide Simonis als Ministerpräsidentin erst einmal in die Große Koalition gingen. "So konnten wir den James-Dean-Kurs fahren, kaltschnäuzig und hemdsärmelig unseren eigenen Weg in die Opposition gehen und lauter neue, jüngere Leute holen." Sein gewerkschaftsnaher linker Vorgänger Karl-Martin Hentschel zog sich zurück; gleichzeitig begann Habeck, nach den Resten der "Engholm-SPD" zu fischen; der Leute, die zu Vernissagen und Jazzkonzerten gehen und die Schleswig-Holstein nicht unterm Hirschgeweih sehen wollen. Als Schwarz-Gelb den Landeskunstpreis abschaffte, schrieb Habeck an Günter Grass: Der spendierte zwei Radierungen, Habeck verlieh sie, und die Lokalzeitungen zeigten Grass bei den Grünen. Mit seiner Frau, der Schriftstellerin und Musikerin Andrea Paluch, hat Habeck vor neun Jahren eine Neufassung von Theodor Storms Schimmelreiter geschrieben; allerdings ist das dunkle Geheimnis des Deichgrafen hier der Inzest. Romane, Theaterstücke und Kinderbücher haben sie zusammen geschrieben, solche ohne Zauberei und Jugend-Esoterik, dafür mit salzigen Küssen und gefangenen Falken und Freundschaft.

Den Ruf der Grünen-Parteispitze nach Berlin hat Habeck bislang noch immer abgelehnt. Familie und Heimat gehen vor.