Die Augen von Kathrin Lahl sind gleich doppelt gerahmt. Umrandet werden sie von einer Brille, so rot und rechteckig, wie man sich Galeristinnenbrillen mustergültiger nie vorgestellt hat. An den Schläfen verschwinden die Bügel hinter schwarzem Haar, einem sauber geschnittenen Bob. Kathrin Lahl, 42, sitzt auf einem dunklen Ledersofa im Erdgeschoss ihrer Galerie auf dem Kaßberg und packt das ganze Dilemma in einen Satz: Es gebe diesen Spruch, sagt sie leise: "In Chemnitz kann man gut arbeiten."

Das bedeutet zunächst einmal: Es gibt Arbeit in Chemnitz, gute Arbeit, und es gibt viele, oft industrielle Unternehmen, die sie anbieten. Der Satz aber beklagt auch, dass etwas fehlt. Wer Arbeit hat, der sucht nach noch mehr Lebensqualität und irgendeinem Luxus. Wer Chemnitz nicht kennt, der sucht solche Dinge woanders. Schon innerhalb Sachsens gilt die Stadt als trist. Richtig übel aber wurde es lange Zeit, wenn man das Privatfernsehen einschaltete: Chemnitz erschien da als Sammelbecken von Proleten in Plattenbauten, eine Comedy-Show erfand einst "Captain Chemnitz", der im braunen Dress vor einer Abrisshauskulisse kasperte.

Kathrin Lahl kennt dieses Klischee von Chemnitz, sie kennt es auch von den Sammlern aus Norddeutschland oder Bayern, die nur wegen der Kunst in ihrer Galerie Oben nach Chemnitz kommen. "Und dann", sagt Lahl, "stehen sie hier und sagen: Wow! Dieses Jugendstil-Gebiet!"

Schon die Galerie ist hinreißend: Zwei Geschosse in einer Villenzeile, englischer Landhausstil. Wer das Gebäude über den Vorgarten verlässt, ist mittendrin in einem der größten Jugendstil- und Gründerzeitviertel Europas: dem Chemnitzer Kaßberg.

Immer schon war der Stadtteil beim Bürgertum beliebt. Während der Industrialisierung wurde das Gebiet zur gehobenen Wohnlage – 30 Meter über dem Niveau und der schmutzigen Luft der Innenstadt. Später folgten Stefan Heym und Stephan Hermlin dem Ruf des Kaßbergs. Seit nach der Wende damit begonnen wurde, die zu DDR-Zeiten vernachlässigte Bausubstanz zu restaurieren, avanciert das Gebiet wieder zu einem der schönsten Jugendstilquartiere des Landes – und zu einem Zentrum urbaner Lebensqualität, das Chemnitz dringend benötigt.

Wenn sich das Bürgertum trifft, dann zum Beispiel bei Kathrin Lahl in der Galerie Oben. Für Arbeiten des Chemnitzer Künstlers Michael Morgner oder Werke von Peter Kallfels hat sie zwei Zielgruppen ausgemacht. In ihr Gästebuch haben sich einerseits Künstler aus New York und Galeristen aus Sylt eingetragen. Im Herbst will Lahl das überregionale Profil ihrer Galerie noch weiter schärfen: Der erlesene "Kulturkreis der deutschen Wirtschaft" veranstaltet dann sein Jahrestreffen erstmals in Chemnitz. Der Fokus liegt, andererseits, auch auf der örtlichen Wirtschaft. "Ich bin immer wieder erstaunt, wie kunstinteressiert das regionale Unternehmertum ist", sagt Lahl. Das überrasche sie, weil man hier nicht viel Aufhebens mache von der Kunst.

Den Unternehmer Stephan Kieselstein kann sie damit nicht gemeint haben. Der 56-Jährige ist einer von Lahls Kunden, und wenn er mal wieder ein Bild bei ihr erworben hat, dann muss er nicht lange nach einem Platz suchen, es aufzuhängen. Kieselstein ist eine Art Großgrundbesitzer im Viertel. Ihm gehört der Arno-Loose-Park, ein 25.000 Quadratmeter großes Industrieareal mitten im Wohngebiet auf dem Kaßberg. Die Geschichte des Unternehmers und seiner Firma zeigt, welche Biografien die Wiedervereinigung ermöglicht hat – für Menschen wie für Stadtteile.  

Kieselstein, geboren in Karl-Marx-Stadt, promovierter Werkzeugmaschinen-Konstrukteur, hatte 1992 beim damaligen Kombinat Fritz Heckert gekündigt und war in die alten Bundesländer gegangen. Zwei Jahre später kehrte er nach Chemnitz zurück – ins Drahtziehmaschinenwerk Grünau auf dem Kaßberg. In den Jahren darauf war dieses mal pleite, mal wechselten die Eigentümer, ein Hin und Her. Kieselstein gründete schließlich seine eigene Firma und erwarb Ende 2005 das riesige Areal des insolventen Drahtziehmaschinenwerks.

Jetzt sitzt er im Konferenzraum der alten Fabrikantenvilla, die er saniert hat. Sein Tommy-Hilfiger-Hemd ist längs gestreift, und wenn Stephan Kieselstein mit großer Geste seine Geschichte erzählt, dann fangen die Streifen an zu flirren, als wäre der Mann eine optische Täuschung. Kieselstein sagt: "Hier, in denselben Räumen, habe ich 1994 angefangen zu arbeiten. Da gehörte das alles noch der Treuhand."