Das Letzte, was der Bauer an diesem Tag gebrauchen kann, ist Panik im Hühnerstall. Am Abend soll ein Schlachter die Tiere holen, und zu viel Stress durch Besucher würde ihr Fleisch verderben. Also durchstreift ein halbes Dutzend Fotografen und Kameraleute ziellos den Hof, eine Geflügelmastanlage bei Großenhain – und hadert mit dem einzigen Motiv, das zur Verfügung steht: ein Minister vor Futtersilos und verschlossenen Stalltüren. Kein Küken in Sicht, das die Szene verniedlichen könnte.

Da schreitet Frank Kupfer zur Tat. "Es ist mir eine Freude", spricht Sachsens Umwelt- und Agrarminister auf der betonierten Hofeinfahrt, "diese Masthähnchenfarm als Betrieb der tiergerechten Haltung auszuzeichnen." Feierlich überreicht er eine Urkunde und schraubt selbst das zugehörige Schild ans Tor, gleich neben "Betreten verboten" und "Vorsicht, bissiger Hund". Kupfers Pressesprecher bedauert derweil, dass man heute keine Hühner sehe. Nachher in einem anderen Stall, sagt er, würden dafür Milchkühe geboten.

Man kann die Aufgaben von Frank Kupfer, 48, einem früheren Fernmeldetechniker aus Oschatz, auf verschiedene Weise beschreiben. Version eins: Im Kabinett Tillich ist er seit zwei Jahren dafür zuständig, Sachsens Luft sauberer, die Flüsse klarer, die Lebensmittel gesünder, die einheimischen Bauern und Tiere glücklicher zu machen. Existenzielle Fragen.

Version zwei: Er ist dazu da, die Karpfen-, Grill- und die Holzeinschlag-Saison zu eröffnen; oder die Absatzaktion für Beet- und Balkonpflanzen namens "Blühendes Sachsen". Er hat Biogasanlagen, Gewässerlehrpfade oder den neuen Seeadler-Rundweg einzuweihen. Er soll vor Kameras mit Kamenzer Wurst, Radeberger Bitter und Heinrichsthaler Käse posieren; sowie an der Seite von Zwergglockentannen oder ebenso dekorativen Spargel-, Blüten- und Milchköniginnen. Er zeigt sich mit Bienen, Kiebitzen, Wölfen; und manchmal ist ein Lämmchen zu streicheln.

Jeden dieser Termine hat Frank Kupfer schon absolviert. "Ich bin ein Mann der Tat", sagt er, und das Bekenntnis klingt sehr nach Version zwei. Klar, es passieren auch Pannen wie Anfang Juni bei der Eröffnung der Erdbeerernte, als der CDU-Politiker beim Schummeln ertappt wurde – die knallroten Früchte in Kupfers Körbchen, draußen auf dem Feld, stammten dann doch aus einem Gewächshaus. Das Malheur ging unter in der Vielzahl von Auftritten. Kein anderer sächsischer Minister verfügt über so zahlreiche Möglichkeiten, mit gefälligen bunten Bildern in die Lokalpresse zu kommen. Trotzdem ist Kupfer in der öffentlichen Wahrnehmung recht farblos geblieben. Zumal er oft vergessen lässt, dass er noch eine zweite Verantwortung trägt: die des Umweltministers.

Manchmal nimmt er Journalisten auf eine Rundreise mit, wie am vorvergangenen Dienstag. Da zeichnet er nicht nur die Masthähnchenfarm aus, sondern besucht noch weitere Höfe im Landkreis Meißen. "Tierproduktion sichert Arbeitsplätze" heißt die Tagesparole. Man habe auch eine kleine Einlage vorbereitet, kündigt der Pressesprecher an, "wir zeigen, wie am Feldrand Gülle ausgebracht wird".

Als die Fahrt beginnt, steht der Minister vorne im Bus und stellt erst mal einiges klar: "Vergessen Sie die Bilderbuchvorstellung von glücklichen Hühnern, die vom Misthaufen schauen! Hühner können auch in einer Voliere glücklich sein." Er sei dafür, die Tierproduktion im Freistaat zu erhöhen, auch wenn "selbsternannte Tierschützer" das kritisierten, sagt Kupfer: "Jedes Schwein, das nicht in Sachsen erzeugt wird, stärkt die Wertschöpfung woanders." 

Sätze wie dieser lassen erahnen, warum Sachsens Bauernpräsident Wolfgang Vogel über den Minister nur Positives zu sagen weiß: "Ich bin zufrieden mit ihm, er greift unsere Themen auf." In der ehemals sozialistischen Landwirtschaft Sachsens, die heute etwa 7000 Höfe zählt, berühren diese Themen die Interessen vor allem großer Agrarbetriebe – ob es nun um mehr Subventionen geht oder um weniger Vorschriften. Bei Landwirt Vogel, Herr über 400 Kühe und einen Hof bei Grimma, preschte Frank Kupfer schon einmal mit dessen Mähdrescher durchs Gerstefeld. Ein Fototermin. Auch ohne Mistgabel-Vita gilt der Politiker, der seit 1994 dem Sächsischen Landtag angehört, unter den Bauern als fachkundig, ackerte er doch viele Jahre im Agrarausschuss des Parlaments.