Karl Marx hatte manchmal recht praktische Vorschläge parat. Neben der Enteignung der Grundbesitzer und der "Centralisation des Kredits in den Händen des Staates" empfahl er 1848 im Kommunistischen Manifest eine "starke Progressiv-Steuer", um die "Umwälzung der ganzen Produktionsweise" zu erreichen. Neu war das Ziel, das er anstrebte – nicht aber das Instrument. Die Frage nach der gerechten Verteilung der Steuerlast, die derzeit auch die Politiker in Berlin wieder einmal umtreibt, hat eine lange und wechselhafte Geschichte.

Bereits in den deutschen Städten und den italienischen Stadtstaaten des ausgehenden Mittelalters wurden die Steuern progressiv erhoben – also mit Einkommen oder Vermögen steigend. In Florenz lag der Höchstsatz im 15. Jahrhundert bei 50 Prozent, und in Frankfurt am Main bezog man 1405 stolze 21 Prozent aller städtischen Einnahmen aus Vermögensteuern. Die Staaten der Neuzeit finanzierten sich dann fast ausschließlich durch Zölle und Verbrauchsteuern, auch wenn sich die französischen Revolutionäre von 1789 und einige deutsche Intellektuelle der Vormärzzeit redlich um mehr Steuerprogression bemühten. Doch es fehlten vielfach die administrativen Voraussetzungen für die Einführung flächendeckender Steuern.

Zudem gab es ideologische Vorbehalte. Der britische Nationalökonom John Stuart Mill bezeichnete die Steuerprogression als eine "milde Form von Raub". Der französische Staatsmann Turgot, der vergeblich versuchte, das nahezu bankrotte Frankreich Ludwigs XVI. zu reformieren, wetterte, man solle den Urheber der Idee exekutieren und nicht diese selbst. Adam Smith, der Gründervater der freien Marktwirtschaft, vertrat als einer von wenigen die gegenteilige Meinung. Seiner Ansicht nach sollte der Beitrag zum Unterhalt der Regierung "genau im Verhältnis zu den Einkünften" stehen.

Die rasante Industrialisierung ließ im Verlauf des 19. Jahrhunderts das Interesse an der Progressivsteuer auch in staatstragenden Kreisen wachsen. Es ging ihnen vor allem um die Finanzierung der Staatsausgaben. Den Anfang machte Preußen. 1891 führte dort Finanzminister Johannes von Miquel, der in seinen jungen Jahren Kommunist gewesen war, die progressive Einkommensteuer ein. Der Spitzensatz ab einem Einkommen von 100.000 Mark (das entspricht heute etwa einer Million Euro) lag bei bescheidenen vier Prozent, trotzdem war die Maßnahme höchst umstritten. Die "allerheiligsten politischen Grundsätze" würden über Bord geworfen, nur um "den Reichen schärfer zu treffen", beklagte sich der Rechtsgelehrte Rudolf von Gneist.

Doch angesichts der fortschreitenden Verelendung der Arbeiterschaft auf der einen und einer Konzentration der Einkommen auf der anderen Seite wurden Steuern nun auch immer häufiger mit Gerechtigkeitserwägungen begründet. Die SPD bekannte sich im Gothaer Programm 1875 zu einer progressiven Einkommensteuer. Und die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehende Grenznutzenschule der Ökonomie lieferte auch konservativen Zirkeln das ideologische Fundament für ein progressives Abgabensystem. Dieser Theorie zufolge sinkt der Nutzen eines Gutes mit jeder zusätzlich konsumierten Einheit – woraus folgt, dass der Gesamtnutzen in einer Gesellschaft steigt, wenn den Reichen genommen wird, um den Armen zu geben. Für den französischen Ökonomen Jean-Baptiste Say, auf den sich heute viele konservative Wirtschaftswissenschaftler beziehen, war die progressive Besteuerung "die allein gerechte".