Sehr geehrter Thomas Bernhard,

ich gebe zu, dass ich mit Ihrer Literatur nicht sehr vertraut bin. Aber ich habe gehört, dass Sie zu der "Spitzenspitze" der österreichischen Literatur gezählt werden. Und genau dies trifft sich vortrefflich mit den Anforderungen meiner misslichen Lage. Hinter mir liegt ein Besuch der Salzburger Festspiele. Nur, wem könnte ich davon bloß erzählen? Es kann ja überhaupt nur ein höchst ausgewählter, prädestinierter Teil der Menschheit überhaupt zu den Eingeweihten dieser Festspiele gezählt werden. Sie gehören dazu. Auch ist dabei hilfreich, dass Sie, Herr Bernhard, tot sind. Denn es ist sinnlos und nicht vorgesehen, über die Salzburger Festspiele zu debattieren, sie sind in sich vollkommen.

Ich erlaube mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Sophokles Hunger, ich wurde 1983 geboren, habe demnach weder einen Weltkrieg noch irgendeine vergleichbare gesellschaftliche Katastrophe erlebt. Wurde in einem mitteleuropäischen, hochalpinen (Sie denken jetzt gewiss: "unerträglich stumpfsinnigen"), demokratischen (Sie denken jetzt: "der Diktatur der Masse ausgelieferten") Land in eine sogenannte bürgerliche Familie hineingeboren. Als Kind wurde ich zum Klavierunterricht gezwungen, von dem ich nach Beherrschung des ersten Satzes von Beethovens Mondscheinsonate freigesprochen wurde. Sie bemerken, ich kenne den Namen Beethoven. Auch Mozart und Bach sind mir bekannt, wie auch Carl Maria von Weber und viele andere klingende Namen, die ich vom Komponisten-Spielkartenquartett meiner Mutter ablas.

Ich wurde von den Eltern für die Lektüre europäischer Literatur gelobt, nicht für das Schauen von Fernsehen, was ich aber in ihrer Abwesenheit leidenschaftlich tat und das sich zu einer veritablen Sucht entwickelte. Verbrachte meine Nachmittage mit Al Bundy, dem A-Team und Baywatch (alles amerikanische Fernsehserien, die zu schauen für Sie unerträglich wäre).

Zeitgleich praktizierte meine Familie regelmäßigen international ausgelegten Wohnsitzwechsel – mein Vater ist Bienenforscher –, in dessen Folge ich sozial vereinsamte (nicht ohne heroischen Beigeschmack) und in mir ein paranoides, antiautoritäres Lebensgefühl entfacht wurde. Parallel dazu wurde ich außerordentlich religiös, da dies meiner Neigung zu Sentimentalität und Absolutismus entsprach. Mit 21 Jahren verschwand ich im Nebel meiner diversen idées fixes – ein Ausdruck, den ich soeben in Salzburg aufgelesen habe. Mithilfe der modernen Schulmedizin und der Psychoanalyse wurde ich allerdings wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt.

Ich bin also, wie Sie sehen, in guten wie in schlechten Zeiten ein Produkt der europäischen Kultur und kann, auch unter Anwendung größter Anstrengung, nicht aus ihr ausbrechen. Dennoch, lieber Thomas Bernhard, befürchte ich, dass ich nicht im Geringsten befähigt bin, wie ein Kritiker hier aufzutreten.

Nein, ich will ganz ehrlich mit Ihnen sein: Ich war gar nicht qualifiziert, an den Salzburger Festspielen teilzunehmen. Gar nicht qualifiziert, über sie nachzudenken. Man hat mich dort ausgesetzt. Es ist mir auch unklar, ob ich es überhaupt wagen darf, einen Eindruck zu haben. Ich habe nicht die geringste Kompetenz vorzuweisen, außer der, dass ich ein Mensch bin.