"Nie ist es schöner in Paris als im August", schwärmt Morgane. Sie hat einen Friseursalon, und der bleibt in den großen Ferien geöffnet. Er liegt in einer engen Straße, normalerweise lärmen Autos vorbei, nur eben nicht im August, wenn die meisten Pariser woanders sind. Dann bleiben Morganes Stammkunden aus, aber dafür kommen Touristen. "Außerdem ist es angenehm, mal nicht gar so hektisch zu arbeiten", sagt sie. Sie gönnt sich diesen Luxus.

Die sonst so anstrengend laute, eilige und enge Metropole liegt im August entspannt wie ein geöffnetes Collier, die Sonne spiegelt sich in den goldenen Rocaillen der Pont Alexandre III. Von dort sind es fünf Minuten zu den ausgedehnten Wiesen vor dem Invalidendom. "Ballspielen verboten", sagen die Schilder, und allüberall rollt der Ball. Pärchen machen Picknick.

In diesem Monat nimmt der Daheimgebliebene wahr, was ihm die Stadt normalerweise alles bietet. Sein Lieblingskäsestand auf dem Markt: weg. Seine Freunde: verreist. Sein Bistro: geschlossen. Davor kopfschüttelnde Touristen, die nicht verstehen können, wieso Pariser Gastronomen ausgerechnet dann urlauben, wenn zahlungskräftige Kundschaft aus aller Welt anreist. Nun, ganz einfach: weil es ihnen schnuppe ist. Lediglich die Bäcker dürfen sich das nicht erlauben. Ein revolutionäres Dekret aus dem Jahr 1790 unterwirft sie einem Plan der Präfektur, der Straße für Straße einteilt, wer im Juli und wer im August Ferien machen darf. Brot für das Volk!

Und Spiele! Ein riesiges Kartenhaus und ein überdimensionales Schachbrett sind auf den Terrassen des Forum des Halles installiert. Außerdem wird der japanische Künstler Tadashi Kawamata, dessen Konstruktionen meist wie Baumhäuser und andere Wohnnester aussehen, im Centre Pompidou Workshops für bastelfreudige Kinder anbieten, um mit ihnen, wie soll man sagen, Baumhäuser und Wohnnester zu bauen.

Die Bürgermeisterämter organisieren allerlei Spektakel, musikalische, theatralische, teils unterhaltend, teils belehrend, von denen der Tourist nichts weiß, weil er nicht den Parisien liest, die stets wohl informierte Tageszeitung. Ohnehin halten sich die Touristen überwiegend in den für sie vorgesehenen Zonen auf. Die großen Parks wie der Bois de Boulogne oder der Bois de Vincennes gehören nicht dazu. Da ist es im August rein idyllisch. Wenn man nicht aus Versehen dorthin gerät, wo karibische Transvestiten aus den Büschen hervortreten, um sexuelle Dienste anzubieten.

Harmloseres Vergnügen bietet Paris plage. Die Stadt richtet zwei Areale ein, an denen jedermann bis zum 20. August Badeurlaub spielen kann. Kostenlos! Der bekanntere Strand zieht sich im Stadtinneren an der Seine entlang; die Behörden verteilen dafür 2000 Tonnen gelben Sand, errichten Bühnen und sanitäre Anlagen, den Rest erledigt der Kommerz. Der nettere und familiärere Strand umsäumt das Seinebecken von La Villette im Norden der Stadt. Dort haben vor allem die Kinder Spaß, treiben aquatische Spiele und Sportarten, bestens betreut von Wasserpädagogen oder wie das heißt. Ältere vergnügen sich mit Volkssportarten wie Pétanque oder Tai-Chi. Eine Sensation ist der Sprühnebel, durch den zu gehen Körper und Seele erquickt.

Oh, und dann kommt auch schon fast der September und mit ihm die rentrée, der Wiedereintritt ins Alltagsleben. Nur gut, dass wir kurz vorher noch drei Tage Rock en Seine erleben werden, mit Skunk Anansie, Cypress Hill, Massive Attack, Arcade Fire, LCD Soundsystem, Roxy Music, Jello Biafra…

Wer die Dezibel meiden möchte, schlendert durch die verlassenen Quartiere . Oder die Promenade plantée entlang, eine einstige Hochtrasse, jetzt ein Wandergarten, der von der Bastille bis zum Bois de Vincennes verläuft. "Jede Straße, jeder Stein / Schien nur für uns zu sein / Wir waren allein auf der Welt", sang Charles Aznavour 1965 in dem Film Paris im Monat August . Bis heute ist Paris im August am schönsten. Und das übrige Frankreich in der Nebensaison.