Menschen mit psychischen Störungen stehen in der gesellschaftlichen Rangliste der Kranken ganz unten. Sie müssen mit dem Stigma ihrer Krankheit leben, sie finden schwer einen Therapieplatz und kaum die Kraft, sich für ihre Belange starkzumachen. Und dann können sie wegen Ressentiments in Deutschland noch nicht einmal auf eine Forschung hoffen, die ihnen in Zukunft das Leben vielleicht erleichtern könnte.

Wenigstens in dieser Hinsicht ließe sich sagen: Amerika, du hast es besser. Regelmäßig kabeln US-Forscher interessante Nachrichten zu neuen pharmakologischen Therapieansätzen über den Atlantik: Depression in nur 40 Minuten zeitweilig gelöst. Posttraumatische Belastungsstörung erfolgreich behandelt. Doch diesen Weg will man in Deutschland nur halbherzig gehen, leider! Denn die Sache hat einen Haken. Der Ruch des Illegalen umweht die eingesetzten Substanzen: MDMA ist auch bekannt als Partydroge Ecstasy und Ketamin löst Halluzinationen und Nahtod-Erfahrungen aus.

Doch Ketamin verblüfft eben auch die Wissenschaftler. Vor vier Jahren ließ es in scheinbar hoffnungslosen Fällen, bei denen Psychotherapien und zuvor angewendete Medikamente seit Jahren versagt hatten, nach einem Tag bereits bei einem Drittel der behandelten Patienten die Symptome einer Depression verschwinden; und die Wirkung einer einzigen Dosis hielt mindestens eine Woche lang an. Jetzt melden Forscher aus Bethesda, Maryland, dass der Ketamin-Einsatz auch bei der manisch-depressiven ("bipolaren") Erkrankung funktioniert. Drei Jahre lang haben 18 Probanden, denen sonst nichts mehr half, es erhalten. Innerhalb von 40 Minuten fühlten sie sich wie ausgewechselt. Das dauerte ungefähr drei Tage an.

Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Nur bei wenigen Patienten wurde bislang solche Linderung mittels Drogen erreicht, und es ist unklar, ob die Effekte langfristig anhalten. Aber immerhin zeigen die experimentellen Therapien mögliche Wege zur Behandlung hartnäckiger Fälle auf.

In acht Studien durfte das Ketamin auch in Deutschland zeigen, was es in Bezug auf psychische Störungen vermag. Das war machbar, weil die Substanz zum legalen Repertoire der Narkoseärzte gegen Schmerzen zählt. Somit störte es nicht, dass Ketamin ebenfalls in der Drogenszene verbreitet ist. Ganz anders fällt das Verdikt bei "nicht verkehrsfähigen Stoffen" aus: LSD, Meskalin oder eben auch Ecstasy (MDMA) gelten als verbotene Früchte. Es sind, so die Logik hierzulande, illegale Drogen und deshalb für den klinischen Einsatz am Patienten nicht geeignet.

In den USA sieht man das anders. Gerade haben Wissenschaftler in Belmont, Massachusetts, zum wiederholten Mal die segensreichen Effekte von Ecstasy bei der Posttraumatischen Belastungsstörung demonstriert. In Deutschland wäre diese Studie undenkbar gewesen. Bis auf Weiteres wird sich niemand hierzulande an eine Therapie mit dem Wirkstoff der Discopille wagen. Hier wird ein widersinniger Unterschied aufrechterhalten: Der experimentelle Einsatz von Ketamin ist erlaubt, der von Ecstasy bleibt tabu. Nicht seine chemische Zusammensetzung, sondern erst sein Einsatz macht einen Stoff zur Droge. Oder eben zum Medikament.