Warum muss es für einfache Gefühle immer so komplizierte und zungenbrecherische Wörter geben? "Existenzialismus" ist so ein Wort, und es beschreibt einen Seelenzustand, mit dem vermutlich jeder in seinem Leben schon einmal Bekanntschaft gemacht hat. Es ist das Gefühl von "kosmischer Verlorenheit" – die schier unheilbare Empfindung von Einsamkeit und Fremdheit, überhaupt von der Absurdität des Lebens. Wider Willen ist man auf diese gottverdammte Welt geworfen worden, und niemand, von den Eltern vielleicht abgesehen, hat auf einen gewartet. Existenzialismus, so könnte man sagen, ist ein Daseins-Schmerz, dem sich – ganz nebenbei – große Werke in Musik und Malerei, in Literatur und Philosophie verdanken.

Ein Existenzialist fragt aber nicht nur: "Was soll ich auf dieser Welt?" Er wird auch, wie Pierre Anthon, der in Janne Tellers Buch Nichts. Was im Leben wichtig ist in einem Baum sitzt und seine Mitschüler mit Pflaumen bewirft, von einer schrecklichen Gewissheit gequält: Er ist überzeugt davon, dass alles Tun und Träumen der Menschen nichtswürdig ist, ein großer Bluff und deshalb eitel, sinnlos und leer. Hinter den Äußerlichkeiten des Lebens gähnt das große schwarze Nichts. Die Menschen machen sich Hoffnungen, aber diese Hoffnungen sind nur Lockmittel, die man ihnen vor die Nase hält, damit sie den elenden Karren des Lebens weiterziehen. Sie glauben an die Liebe und werden doch ständig betrogen; sie glauben an die Zukunft und sind doch morgen schon tot. Der Existenzialist blickt in den Abgrund der Verzweiflung und sagt: Wer den Mut hat, die Kulissen unserer Täuschungen und Selbsttäuschungen einzureißen, der wird schlagartig erkennen, dass die Welt keinen "angeborenen" Sinn hat. Die Existenz, so schrieb der Philosoph Jean-Paul Sartre (er lebte von 1905 bis 1980), hat keine "Essenz", keinen vorgängigen Sinn. Das Leben an sich ist sinnlos, es ist unbeschreiblich – und absurd.

Dänemark, so heißt es oft, ist das Heimatland dieses Seelenzustands, und vielleicht ist es kein Zufall, dass die Autorin Janne Teller im melancholischen Kopenhagen geboren wurde. Das heißt nicht, die Dänen hätten den Existenzialismus erfunden. Aber es war der Kopenhagener Philosoph Søren Kierkegaard, der das existenzialistische Lebensgefühl auf geniale Weise durchdrungen und in wunderbaren Sätzen beschrieben hat. Für viele jedenfalls ist Kierkegaard (1813 bis 1855) der geistige Wegbereiter des Existenzialismus, der Urvater einer ganz neuen Philosophie. In den Augen seiner Mitschüler und Kommilitonen war er ein Sonderling, ein schräger Vogel, und ungläubige Freigeister bekämpften ihn ebenso wie frömmelnde Glaubenshüter. Sein Buch mit dem Titel Entweder – Oder machte ihn 1843 über Nacht berühmt, und schon der Titel verrät, wie Kierkegaard die "dänische Krankheit" – die Verzweiflung über das Leben – überwinden wollte. Nämlich durch einen "Sprung" in den christlichen Glauben: "Entweder" man verzweifelt an der Absurdität des Daseins, "oder" man kommt mit sich ins Reine und entscheidet sich für den Glauben an Gott, dem man schließlich seine Existenz verdankt.

Wem dieser "Sprung" nicht einleuchtet, weil er nicht an Gott glauben mag, den wird die Antwort des französischen Existenzialisten Albert Camus (1913 bis 1960) vielleicht eher überzeugen. Auch Camus nannte das Leben absurd, doch der "Sprung" in den religiösen Glauben war für ihn keine Lösung. Daraus folgte für Camus nun aber nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen dürften, im Gegenteil. Die Größe des Menschen, schrieb er, bestehe darin, sich vom Absurden nicht unterkriegen zu lassen. Und deshalb sei es am besten, wenn wir den irrwitzigen planetarischen Zufall, der uns auf diese Erde verschlagen hat, einfach verlachen. Der Mensch wird zum Menschen erst durch die Revolte – durch die Revolte gegen das Absurde.