Im Eigenleben der Lügen

In Bogotá läutet das Telefon. Ein Vater bittet seinen Sohn ohne Angabe von Gründen, ihn zu besuchen, nicht morgen oder übermorgen, sondern sofort. Vor dem Fenster entlädt sich gerade eines jener wuchtigen Unwetter, die Bogotás Straßen in reißende Flüsse verwandeln. Ein bekanntes böses Omen im Land des Magischen Realismus.

Juan Gabriel Vásquez, ein 37-jähriger Kolumbianer, der nach einem Studium in Paris und der Tätigkeit als Übersetzer beschloss, in Barcelona zu leben, hat einen umfangreichen Roman geschrieben, um sein Personal zur Wahrheit zu zwingen. Kein Begriff wird von ihm häufiger verwendet als das Wort "Lüge". Es geht ums Verschweigen und Verdrängen und die katastrophalen Folgen von beidem.

Der Autor agiert als Aufklärer. Sein Text ist reich an Erkenntnissen über Struktur, Wirkung und Verwicklung von Lügen. In jeder Lüge, auch in der plumpesten, liest man bei Vásquez, stecken wertvolle Hinweise auf die Person, die lügt, "wertvoller vielleicht als die reine Wahrheit". Und ein weiterer Satz ist noch schockierender, weil er so kalt wie kurz ist. Er heißt: "Man ist, was man lügt."

Gabriel Santoro hat die Nummer seines Sohnes gewählt und ihn gebeten, zu ihm zu kommen, sofort, egal wie gefährlich tosende Wassermassen auf Bogotás Avenidas sind. "Alle Welt erzählt Lügen (...), schlimm ist nur, dass wir es merken. Das dürfte nie passieren, die Lügner müssten unfehlbar sein." Oft formuliert der 67-jährige Witwer Santoro, der während seiner Karriere als Rhetorikprofessor respektiert und gefürchtet war, solch haarsträubendes Zeug. Heute, an diesem Tag, hat er gleich mehrere Gründe, seinen einzigen Sohn, der, wie er selbst, Gabriel Santoro heißt, zu sich zu zitieren. Er ist krank, er muss am Herzen operiert werden, und er hat viel auf dem Herzen.

Die Informanten ist ein politisches und ein privates Buch. Zuletzt hat Ursula Krechel mit ihrem großartigen Roman Shanghai fern von wo etwas diesem Buch Vergleichbares für China geschafft. Bei Vásquez wird das Schicksal von Exilanten in Kolumbien erzählt. Dort trafen aus Nazi-Deutschland entkommene jüdische Flüchtlinge auf Deutsche, die schon lange in Kolumbien lebten und mit dem nationalsozialistischen System sympathisierten.

Diese zusammengewürfelte Gesellschaft sollte Kolumbien im Auftrag der USA unter seine Kontrolle bringen. Auf schwarzen Listen wurden, seit Kolumbien 1941 den Achsenmächten beigetreten war, die Namen von echten oder mutmaßlichen Faschisten aufgeführt, 600 Namen innerhalb weniger Monate. Wer auf diesen Listen stand, ob zu Recht oder zu Unrecht, war geliefert, "bürgerlich tot", hatte keinen Job mehr und also kein Geld. Viele wurden im Hotel Sabaneta, zwei Stunden außerhalb von Bogotá, interniert. Das Misstrauen zwischen Exilanten und Einheimischen wuchs.

Den Fall einer solchen Denunziation erzählt Vásquez mit der Lebensgeschichte des 67-jährigen Gabriel Santoro. Würde man das Buch nach dem Alphabet der Psychoanalytiker lesen, der Vater-Sohn-Konflikt wäre nicht nur das Zentrum, man könnte ihn als Fallstudie benutzen. Der wortmächtige Vater verdammt das eben erschienene Buch seines Sohnes Ein Leben im Exil in der einflussreichsten Tageszeitung des Landes. Und niemand kann sich diesen Eklat erklären, am wenigsten der Sohn selbst, der keine Ahnung davon hatte, wie eng der eigene Vater in eine Denunziation verwickelt war. Nach seiner Meinung hatte er nichts anderes getan, als die Geschichte der Emigrantenfamilie Guterman aufzuschreiben, eine Geschichte deutscher Juden im kolumbianischen Exil, die in Bogotá das Hotel Nueva Europa führten und sich irgendwie durchschlagen mussten.

 

Die Frage, weshalb ein Vater das Buch seines Sohns durch eine Rezension vernichtet, wird weder vom Sohn noch vom Autor Vásquez direkt gestellt. Direkt wird in diesem Buch, das ja von der Lüge und deren Mechanismen handelt, nie gefragt und nie geantwortet. Lügen entwickeln ein mehr oder weniger intelligentes und labyrinthisches Eigenleben, und der alte Santoro kannte sich darin besser aus als in seiner eigenen, spartanisch eingerichteten Wohnung.

Die Aufdeckung des väterlichen Rätsels gelingt erst im Augenblick von dessen Schwäche. Erst der kranke und dann der pflegebedürftige Mann kann den Rollentausch in dem Moment zulassen, da ein Sohn "zum Vater seines Vaters" wird und die Verkehrung der Autoritätsverhältnisse das gesamte Gefüge auf den Kopf stellt.

Wo ist der wunde Punkt, weshalb hat der Vater dem Sohn nach Erscheinen des Buchs den Krieg erklärt, weshalb hat er den Sohn, der nichts anderes tut, als über das Leben anderer zu schreiben, mit solcher Verachtung bestraft? Und, das ist fast noch verwunderlicher, weshalb erträgt der Sohn das alles, verzeiht und wird zum besorgten Pfleger des Vaters?

Die mäandernde Handlung des Romans und die sich nach und nach ausweitende und erklärende Lügenstrategie des Gabriel Santoro bedingen einander spiegelbildlich. Immer wieder blättert der Autor die Zeit zurück, fügt Recherchen des Sohnes ein, der in der Erzählung so wenig wie irgend möglich von sich selbst berichtet, der hinter der Geschichte, die er in Erfahrung bringen will, verschwindet, ganz so, als würde ein ausgeprägt eigenes Ich ihn, wenn nicht Kopf und Fuß, so doch alle Aufmerksamkeit für die Schlupflöcher kosten, die seine Gesprächspartner bewusst oder unbewusst zur Verwischung ihrer Lebenslinien benutzen.

All das ist detektivische Maßarbeit. Hin und her springend zwischen den Jahren des Zweiten Weltkriegs und den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, wird, als der Kranke zu neuem Leben und zu einer neuen Freundin gefunden hat, doch noch der entscheidende Besuch eingeblendet. In einem lausigen Quartier trifft der ausgebuffte Rhetoriker, der immer alles mit imponierenden Sätzen überdeckte, auf den Mann, dessen Leben er als "Informant" ruinierte.

Gabriel Santoro wusste, dass er zwei Generationen der deutschstämmigen Familie Deresser auf dem Gewissen und deshalb ein "Gedächtnis" hat, das nicht sagen darf, "dass es sich erinnert". Und deshalb traf das Buch des eigenen Sohnes, der nichts anderes wollte, als solche Verbrechen ans Licht zu bringen, den Vater wie ein "Tötungsversuch".

Juan Gabriel Vásquez räumt durch einen tödlichen Autounfall den Vater aus der Welt und übergibt dem Sohn das Terrain. Der wiederholt die letzte Reise des Vaters und dessen Besuch bei Enrique Deresser, liest heimlich die Briefe, die Enriques Vater 1944 seiner Frau aus dem Internierungslager Hotel Sabaneta in Fusagasugá geschrieben hat, und die Leerstelle, das, was im Buch über Ein Leben im Exil fehlte, ist geschlossen.

 

Schuld, Erinnerung, Denunziation, die Rivalität der Heimatlosen untereinander – ein ganz anderes Thema, ein ganz anderes Buch aus einem Kolumbien, das sonst entweder Gabriel García Márquez auf bildertrunkenen Großleinwänden oder Krimiautoren als Kulisse seiner Drogenbarone besetzen. Juan Gabriel Vásquez gehört einer neuen Generation an, erklärt die kriminell durchseuchten Zustände im Land nicht als Sensationen, sondern als selbstverständlichen Schrecken.

Vásquez, der 46 Jahre jünger ist als Márquez, ist ganz offensichtlich ein Anhänger des rätselverliebten Stilisten Julio Cortázar. Ihn interessiert die Energie des Menschen, der eigenen komplexen Psyche auszuweichen oder den Selbstbetrug als tragische Komödie, als Fortsetzungsgeschichte gegen sich selbst aufzuführen. Juan Gabriel Vásquez nennt das in Susanne Langes melodischer Übersetzung einmal den "Schock des Alltäglichen". Mit diesem "Schock" sind die Folgen eines feigen Verrats bezeichnet. Eines Verrats, der die Kraft einer Lawine besitzt.

Und das Merkwürdigste an diesem Buch ist, dass Juan Gabriel Vásquez keinen einzigen moralischen Triumph exekutiert. Seine sanfte, raffiniert-komplexe Aufklärungsarbeit ist wirkungsvoll – und radikal.

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