Es war einer dieser Zufälle – dass ich an diesem Nachmittag nochmals ins Dorf ging und meine Nachbarin traf.Ich wollte ihr zum neuen Auto gratulieren, mit über 80 Jahren schon ein besonderes Ereignis.Aber dann erzählte sie mir ganz aufgeregt, dass bei ihnen "schon wieder" ein junger Marder vom Dach gefallen sei. "Und was sollen wir denn bloß mit ihm machen? Wir haben doch 3 Hunde und eine ziemlich wilde Katze!"Nun, wer mich kennt, weiß auch um meine Vorliebe für Mäuse, Ratten, Fledermäuse. Und so einen kleinen Marder musste ich mir natürlich gleich anschauen! Hunde und Katzen waren zum Glück außer Haus, und der kleine Kerl saß verschreckt unter einem Tisch. "Ich nehme ihn erst einmal zu mir!" Hole eine Schachtel, lege sie schön mit Tüchern aus, krieche unter den Tisch und greife beherzt zu. War gar nicht schwierig. Sein kleines Herzerl klopft, ich streichle ihn und spreche beruhigend auf ihn ein, und dann liegt er da brav in seinem Kisterl. Die Nachbarin Frau Hake hatte zum Glück auch Katzenmilch da, und das würde ja wohl auch das Richtige für ihn sein.

Dann fing ich an, herumzutelefonieren. In Zoos, in Tierheimen, bei Tierärzten, wurde immer weiterverwiesen, auch an Leute, die schon Marder aufgezogen hatten. Niemand wollte ihn haben.

Karl Valentin pflegte in solchen Situationen zu sagen: "Kaner hat ihm wollen, i hab eam glei ghabt!" Immerhin bekam ich viel gute Ratschläge – und mein Herz hing ja jetzt schon an dem kleinen Kerl. Also wurde der Balkon als Kinderstube eingerichtet. Für sein Schlafkisterl wurde ein Kissen mit Heu gefüllt, ein Sandkisterl daneben fürs "Geschäft", und alle 3 Stunden würde ich ihn füttern. Es gab von Anfang an gar keine Schwierigkeiten. Erst versuchte ich noch, ihm die Milch mit einem kleinen Löffel einzuflößen, aber ganz schnell konnte er auch schon aus der Schale trinken. Ich hielt ihn am Schoß, und er schlemperte brav. Dann massierte ich das kleine Bäuchlein mit einem feuchten Schwamm und setzte ihn anschließend aufs Sandkisterl. Auch das hat er unglaublich schnell begriffen. Mit kleinen Ausnahmen. Nachts hat es nicht immer so geklappt, aber dafür hatte ich ja mehrere Heupolster vorbereitet. Er kannte überhaupt keine Scheu. Nach dem Füttern wurde gespielt, und anfangs war er nach einer Viertelstunde schon wieder müde und verzog sich in sein Kisterl. Jedes Mal eine Zeremonie mit Kissen zurechtdrücken und ein Tuch über den Kopf ziehen. Früh um sechs stand ich schon auf, was sehr früh für mich war, und bald "verspielte" ich schon an fast jedem Morgen eine ganze Stunde mit ihm. Ich hatte alle möglichen Spielsachen für ihn angeschleppt. Und so wurden seine Wachphasen immer länger, die Spiele wilder, und irgendwann ging ich nur noch in Marderschutzkleidung zu ihm. Er war ja überhaupt nicht aggressiv, aber seine Zähnchen waren spitz und die Krallen nicht minder. So saß ich dann auch bei großer Hitze nur noch in Trainingsanzug, Schuhen und Handschuhen bei ihm!

Es lief also alles bestens, aber dann kam ein Problem. Wir hatten schon lange einen 14-tägigen Kanada-Urlaub geplant. Mit der Nachbarin, von deren Dach er geflogen kam, kamen wir überein, dass sie ihn füttern würde. Zweimal am Tag müsste jetzt schon reichen. Ich bereitete also alles vor. Ein paar Schlafkisterln Hackfleisch, in kleinen Portionen tiefgefroren, zu mischen mit Hundefutter.Aber ganz wichtig war mir natürlich, dass er auch genügend Zuwendung bekommt. Natürlich konnte Frau Mernig nicht so viel Zeit aufbringen wie wir. Wir? Ja, denn inzwischen hatte auch Dieter schon sein Herz an den kleinen Kerl verloren.

Wir tauften ihn "Kecki". Weil er so keck war und weil Marder keckern, wenn sie sprechen. Inzwischen hatte er unter anderem auch schon gelernt, zu klettern, er hatte einen Übungsholzpflock bekommen. Seine Fortschritte zu beobachten war immer wieder ein großes Vergnügen. Ich hatte große Bedenken, dass er sehr bald auch über das Balkongeländer klettern und hinunterfallen würde. Also ließen wir die Markise halb aufgespannt, damit sie seinen Fall wenigstens abbremsen würde.

Wir kamen vom Urlaub zurück, kaum gelandet, riefen wir die Nachbarin an: Was macht Kecki? Ich hatte eine böse Ahnung – und tatsächlich war er am Tag vorher offensichtlich vom Balkon gefallen. Er war weg! Aber zum Glück scheinbar doch nicht so ganz, denn das Futter hatte er sich von der Terrasse geholt, und Frau Mernig meinte, er würde noch irgendwo im Gebüsch sein. Ich war so enttäuscht! Ich war unglücklich! Wir wollten ihn doch wenigstens so lange behalten, bis er richtig ausgewachsen und selbstständig war. Kaum daheim, setzten wir uns auf die Treppenstufen der Terrasse und sprachen natürlich von "ihm". Und auf einmal kam er unter den Sträuchern hervor und auf uns zu! Beschnuppert uns, lässt sich streicheln und hochnehmen – ob er uns wiedererkannt hat?

Wir haben ihm dann eine Art Hühnerleiter gebaut, sodass er leicht zum Balkon rauf- und runterklettern konnte.Er hatte also alles, was er brauchte. Seine Freiheit und zugleich Geborgenheit, gutes Futter und nicht zuletzt viel Spaß mit uns! Besonders gut ließ es sich ja mit Dieter toben. Dieter war Klettergerüst und Maus in einem, die man packen und beißen konnte. Besonders beliebt waren Ohren, Nacken oder nackte Zehen! Aber da steckte keine Aggressivität dahinter, sondern nur Spaß an der Freud!Bald konnte er auch auf Bäume klettern, schnell und geschickt wie ein Eichhörnchen, den Vögeln nachjagen,die ihn immer so frech beschimpft haben,auf der doch so glatten Klopfstange balancieren, ich nebenher, um ihn aufzufangen, was gar nicht nötig war. Ich lief mit einer Kunstmaus an der Leine vor ihm her, um das Jagen zu üben. Als es sehr warm wurde, bekam er eine große Schüssel mit Wasser, in die volle Pulle hineinzuspringen war natürlich eine besondere Wonne. Und sich dann auf der Liege wieder abtrocknen. Eines seine Lieblingsspielzeuge war der Handfeger. Der wurde wild malträtiert, geschüttelt, mit allen vieren zugleich in die Luft geschmissen und totgebissen. Irgendwann mussten wir dann alle Spielsachen festbinden, denn er verschleppte alles in seine Höhle unter den Büschen der Terrasse.

Sein Lieblingsfutter war nun Frolic geworden, komischerweise verschmähte er mein so liebevoll zubereitetes Hackfleisch mit Karotten.Dafür liebte er aber alles Süße, wie Käsekuchen oder Kekse, aber auch Erdbeeren und Blaubeeren, Rosinen. Er schien jedenfalls gut genährt, sein Fell glänzte, und er sah nun Mitte Juli auch schon recht erwachsen aus. Trotzdem hatte ich immer noch Angst um ihn wegen der vielen Katzen. Wieder einmal spielte er im großen Holzstoß am Ende des Gartens, und als ich ihn suchen ging, stand eine schwarze Katze fauchend davor! So eine erfahrene alte Mäusejägerin würde ihm sicher gefährlich werden! Unerfahren und vertrauensselig, wie er war. In meiner Sorge beschloss ich, ihn nachts in unserem Partykeller unterzubringen. Da war ja eigentlich nichts, was er kaputt machen könnte. Trotzdem war ich sehr unruhig und ging schon sehr früh, ihn wieder zu holen. Aber Kecki war nicht da! Da hörte ich hinter der Verschalung der Eckbank ein Geräusch. In seinem Entdeckerdrang war er durch 2 kleine Löcher in der Verschalung geklettert. Ich klopfte mit meinen Fingern und rief ihn. Das kapierte er zwar gleich, aber dann wollte er mit je einem Pfötchen durch je ein Loch. Das ging auch nicht! Aber irgendwie zwängte er sich dann doch heraus. Außerdem hatte er noch eine Vase von der Fensterbank runtergeschmissen. Die allergrößte Sorge stand mir aber noch bevor. Dieter fuhr eines Vormittags mit dem Auto weg. Fünf Minuten später rief er mich mit dem Handy an, Kecki sei mit dem Auto mitgelaufen. Über die sehr befahrene Hauptstraße rüber und wieder zurück und dann in einen Garten gelaufen. Ich war entsetzt. Wie war er bloß auf die Idee gekommen, dem Wagen nachzulaufen. Vielleicht, weil Dieter, der große Spielgefährte, da drinnen war, es konnte also nicht so gefährlich sein, da mitzulaufen! Ich schnappte mein Rad und lief dann vor der Fichtenhecke dieses Gartens rufend auf und ab. Aber nichts! Endlich, ein Rascheln – und Kecki kam angewackelt! Handzahm, wie er war, konnte ich ihn packen und nach Hause tragen. Hatte ich ihn jetzt zum dritten Mal gerettet?

Es kamen die Schulferien, und ich wollte mit meinen Enkelkindern einen Badeurlaub machen. Was tun? Ihn jetzt allein lassen, wo er so halbstark durch die Gegend saust? Und statt dass Gabi mit uns mitfährt, beschlossen wir, dass sie als Babysitterin daheim bleibt.Sie war schon ein paar Tage da, undKecki war mit ihr mindestens so vertraut wie mit uns. Gabi hatte ein besonders schönes Spiel entdeckt: das Gießen mit dem Wasserschlauch. Erst war er empört, dass ihn dieses Ding so nass spritzte,und er verzog sich unter das Kartoffelkraut,aber dann fand er es herrlich und versuchte immer wieder, in den Wasserstrahl zu beißen beziehungsweise auch mal in den Schlauch, und das alles zusammen war ein herrliches Spiel!Leider habe ich das nicht mehr miterlebt.

Am vorletzten Urlaubstag kam Gabis Anruf, dass Kecki nicht mehr aufgetaucht ist.Sie lief natürlich die Straßen ab, aber ohne Erfolg. Verzweifelt rief ich gleich Doktor Setten an, und er tröstete mich und meintee,Kecki sei schon so erwachsen und wäre weggelaufen, um sich ein neues Revier zu suchen. Aber ich glaubte nicht daran. Er hatte hier bei uns doch alles, was er brauchte. Seine Freiheit, so viel Spaß und Abwechslung wie kein wild lebender Marder, reichlich gutes Futter und nicht zuletzt unsere Zuneigung. Und jeden Tag hat er uns auch seine Zuneigung gezeigt! Die besten Mehlwürmer waren erst interessant, wenn er mindestens 10 Minuten mit uns getobt hatte!Ja, Kecki war weg. Wir alle trauerten um ihn. Wenigstens hatten meine Kinder ihn noch einen Tag lang erlebt.

Tage später sagte man mir, dass zum fraglichen Zeitpunkt auf der Straße, die unter unserem Grundstück vorbeiführt, ein toter Marder gelegen hatte. Es muss Kecki gewesen sein.

Ich frage mich immer, was es war, dass alle, die ihn gesehen hatten, ihn so bezaubernd und liebenswert fanden. Und alle, die einmal einen Marder großgezogen hatten, von diesen Tieren begeistert waren. Es muss diese Mischung aus Vertrauen, Anhänglichkeit und zugleich Wildheit, die Neugier, Verspieltheit, Anmut, Klugheit, Geschicklichkeit, diese wirklich unbändige Lebenslust sein, die sie ausstrahlen – und die ihnen leider auch zum Verhängnis wird.

Ich habe in der kurzen Zeit danach von fünf toten Mardern gehört. Einen davon habe ich auf der Hauptstraße gefunden und im Garten begraben.

Unlängst sah ich einen Fernsehbericht über Waschbären. Eine Frau hatte ein verwaistes Jungtier großgezogen, das irgendwann auch verschwand. Und sie sagte zu dem Reporter: Ich vermisse ihn immer noch. Und: Es war der schönste Sommer meines Lebens! Es war auch einer meiner schönsten Sommer.