Aber was ist mit dem Gipfel? "Die Bahn wird immer wieder zu Gipfeln laden und immer wieder viel versprechen."

Bisweilen ist das Nadelöhr in Horka verstopft. Vor drei Wochen erst hat es auf dem Güterbahnhof gebrannt, jetzt stehen da zwei verkohlte Waggons. Die Außenhaut des einen ist zusammengekokelt, statt "Cargo" ist nur noch "argo" zu lesen. Man könnte das aus dem Griechischen mit "schnell" übersetzen.

Nitschke sorgt sich, dass sein Güterbahnhof zum Friedhof auf Zeit für leckgeschlagene Waggons werden könnte und dass den freiwilligen Feuerwehren der Region womöglich die Spezialausrüstung fehlt, wenn mal wieder Gefahrgut austritt. Es sind die Sorgen eines Bürgermeisters, und die Frage ist, an wen sich Nitschke wird wenden können. Bahn-Mitarbeiter, die irgendwie für Horka zuständig sind, sitzen in Frankfurt am Main, Berlin und Leipzig, in Dresden und in Görlitz. Eine Diaspora der Verantwortung.

Aber auch dafür könnte ein Gipfel gut sein: Verantwortung bündeln, Probleme zur Chefsache erklären. Unter all den wichtigen Vorhaben betonten Grube, Tillich und Morlok ein ganz besonders wichtiges: Es geht um die Sachsen-Franken-Magistrale, die von Dresden nach Nürnberg führt. Die Schließung der Elektrifizierungslücke zwischen Reichenbach und Hof sei "eines der wichtigsten Ziele sächsischer Verkehrspolitik", sagte Verkehrsminister Morlok. Er sprach gar davon, den Süden und Südwesten Sachsens wieder in den "Schienenpersonenfernverkehr" einzubinden. 

"Am 9. Dezember 2006 hat sich die Deutsche Bahn hier aus dem Fernverkehr verabschiedet", sagt Wolfgang Große aus Zwickau. Es ist also schon eine Weile her. Deswegen kniet Große, 67, jetzt vor einem riesigen Flachbildfernseher und sucht nach seinen Erinnerungen. Sein Sohn hat ihn an seinem letzten Arbeitstag nach fast 49 Jahren bei der Bahn gefilmt und die Aufnahmen zu einem Video verarbeitet. Mit dem Fahrplanwechsel im Winter gingen damals zwei in den Ruhestand: der Lokführer Wolfgang Große und der Fernverkehr auf der Sachsen-Franken-Magistrale.

Große steuerte einen Intercity am letzten Tag, als dieser auf der Strecke verkehrte. In einer Nische seiner Wohnung hält ein Nagel die Armbanduhr, die Große abschnallte und stilllegte, als er in Reichenbach letztmals aus dem Führerstand des IC 2064 stieg – um 15.25 Uhr, natürlich mit einer kleinen Verspätung. Die paar Minuten aber waren nichts im Vergleich zum Verzug in den wilden Zeiten. Große erinnert sich an die Diesel-ICEs, die von der Bahn extra für die Sachsen-Franken-Magistrale angeschafft worden waren und von denen "kein einziger planmäßig gefahren ist". Später, als die ICE-Lokomotiven nach Pannenserien längst aussortiert waren, haben Große und seine Kollegen versucht, mit schwächeren Loks den Fahrplan zu halten – die Maschinen wurden "runtergeschrotet, bis es nicht mehr ging". 

Es geht seit einiger Zeit nicht mehr viel im Fernverkehr auf den Gleisen der Region. Beim Bahngipfel wurde stolz eine Finanzierungsvereinbarung für die Strecke Reichenbach–Hof verkündet. Das war erstens nicht neu und ist zweitens noch nicht viel wert. Hinter Hof gehen die Gleise ja weiter; und die vielen Kalksteintunnel, die vor 150 Jahren gebaut wurden und so niedrig sind, dass man dort keine Oberleitung einziehen kann, sind nur aus einem Grund kein Problem: Bisher gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass dort überhaupt jemand eine Oberleitung einziehen will.

Bis auch hinter Hof die Strecke elektrifiziert werde, könne es leicht noch zehn Jahre dauern, schätzt Thomas Michalla, Abteilungsleiter im Stadtplanungsamt Chemnitz. Etwas zynisch ergänzt er, was das bedeuten könnte für den Verdichtungsraum Chemnitz-Zwickau, der so schlecht angebunden sei wie kein anderer in Europa: "Wir hatten vor 20 Jahren die Wende. Und 30 Jahre später werden wir vielleicht eine 150 Jahre alte Strecke so saniert haben, dass Züge dort wieder mit einer Geschwindigkeit wie vor 100 Jahren fahren können."