Wer 1965 oder später geboren ist, kennt eine dunkle, bedrohliche Gestalt als Lebensbegleiterin: die Angst vor Arbeitslosigkeit. Die Angst, dass die eigenen Kinder keine Arbeit bekommen oder schlechtere als man selbst. Gegen Ende der Regierungszeit Helmut Kohls gab es in Deutschland viereinhalb Millionen Arbeitslose. 2005, unter Rot-Grün, waren es fast fünf Millionen. Selbst das war nur ein Bruchteil aller Erwerbsfähigen. Aber der Bruchteil war so groß, dass jeder sich gefährdet fühlte, immer.

Angst ist schlecht für den Charakter, sowohl für den der Mächtigen als auch für den der Abhängigen. Sie verleitete damals die Unternehmen zu Drohgebärden gegenüber den Arbeitnehmern und brachte eine Arbeitnehmergeneration hervor, die im besseren Fall noch pragmatisch genannt werden kann, im schlechteren überangepasst.

Es könnte sein, dass der Angst jetzt die Puste ausgeht. Und dann wird es spannend zu beobachten, ob wir uns trauen, ohne dieses vertraute Gefühl zu leben. Welchen Anlass gibt es zum Optimismus? Da sind zum einen Befunde, die erst nach und nach aus der ökonomischen in die politische Sphäre hinübersickern: ein Wachstum, das sogar die Wirtschaft selbst darüber staunen lässt, wie stark sie offenbar ist. Eine aktuelle Zahl von knapp 3,2 Millionen Arbeitslosen, die gewiss immer noch zu hoch, aber nach einer historischen Weltwirtschaftskrise geradezu historisch niedrig ist. Energische Suchbewegungen (inklusive neuer Einwanderungsdebatte) in vielen Branchen von IT bis Pflege, wo jeweils Zehntausende von Fachkräften fehlen. Weniger Schulabgänger, dafür mehr offene Lehrstellen.

Zum anderen gibt es langfristige Entwicklungen: Seit 1972 sterben in Deutschland in jedem Jahr mehr Menschen, als hier geboren werden. Die Zuwanderung, über die 1990 (bei 600.000 Einwanderern) noch besorgt bis hysterisch gestritten wurde, ist zum Stillstand gekommen. In den nächsten 20 Jahren werden 22 Millionen Männer und Frauen das Ruhestandsalter erreichen – und nur 16 Millionen junge Leute kommen ins erwerbsfähige Alter. Für Kleinkinder von heute bedeutet das: Wenn sie mit Ausbildung oder Studium fertig sind, machen die Alten ihnen doppelt so viel Platz, wie sie brauchen – 7,2 Millionen gehen, nur 3,5 Millionen rücken nach.

Für eine ganze Generation junger Menschen ändert sich damit die Perspektive: Sie muss sich nicht länger in die Arbeitsgesellschaft hineinbetteln und hineintrotzen, sie wird gebraucht . Gebraucht werden auch die qualifizierten Einwanderer, die sich für Arbeit in Deutschland interessieren; und jene Älteren, die nicht in irgendeine mittelwichtige Ehrenamtlichkeit abgeschoben werden möchten, sondern einfach gern weitermachen würden.

Eine Wirtschaft, die um Menschen konkurrieren muss, wird sich ganz von selbst anders verhalten als eine, die Jobs als eine Art Gnade vergibt: Sie wird nicht nur über Anwerbeprämien für ausländische Spezialisten nachdenken, sondern auch über vernünftige Löhne für alle. Und außerdem über Familienfreundlichkeit und kluge Teilzeitregelungen und flexible Übergänge in den Ruhestand und Weiterbildung im Betrieb und über Unterstützung bei der Jobsuche für Ehepartner und vieles andere mehr. Sie wird Arbeitnehmern höflich begegnen.

Spätestens nach Formulierung dieser rosigen Hoffnungen dürfte das Aberaberaber der Gewohnheitspessimisten einsetzen. Es gibt ja berechtigte Einwände: Niemand kann zum Beispiel absehen, welche Rationalisierungsideen die Unternehmen entwickeln, wenn ihnen die Leute ausgehen. Und natürlich sind in den Jahren der Angst Unsitten eingerissen, die nicht über Nacht wieder verschwinden: Niedriglöhne, unbezahlte Praktika, die enorme Ausweitung der Leiharbeit. Es wird seine Zeit brauchen, bis das unter dem Druck des Personalmangels aufhört.