Wenn die CDU wieder konservativer würde, so ginge es ihr auch besser. Diese aus der Verzweiflung über die schlechten Umfrageergebnisse gespeiste These ist zu zwei Dritteln falsch – und zu einem Drittel völlig richtig.

Niemand kann den Menschen die Verunsicherung nehmen, die sich aus den gelockerten Familienbanden ergibt – auch die Union nicht. Denn die Scheidungen, die Patchworkfamilien und die berufstätigen Frauen kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sie kennzeichnen die Lebensform der Mehrheit, übrigens auch der Mehrheit derer, die sich konservativ nennen.

Niemand kann es den Deutschen ersparen, sich mit der multikulturell gewordenen Gesellschaft anzufreunden. Die ethnischen Minderheiten werden nicht wieder verschwinden, auch nicht, wenn die CDU sich auf den Kopf stellte. Eine Union, die sich dieser Realität verweigern wollte, wäre nicht konservativ, sondern nur dauernd schlecht gelaunt und ziemlich weltfremd.

Auf diesen Feldern ist der von Angela Merkel eingeleitete Kurswechsel nachvollziehbar. Doch warum die Partei spätestens seit dem Amtsantritt von Thomas de Maizière als Innenminister auch noch bei der Inneren Sicherheit auf einen liberalen Kurs geht, bleibt unerfindlich. Dass sie es tut, ist nicht nur für die Union eine Gefahr.

Schon wenige Tage nach seiner Vereidigung verkündete de Maizière in einem Interview: "Ich kann mit dem Begriff ›Innere Sicherheit‹ wenig anfangen. Mir gefällt ›Innerer Friede und öffentliche Sicherheit‹ besser." Ein CDU-Innenminister, der als erste Amtshandlung den handfesten und jedem bekannten Begriff "Innere Sicherheit" durch eine schwammig-technokratische Formulierung ersetzt , an wen richtet der sich eigentlich? An diejenigen, die sich verunsichert fühlen von Terrorismus, Straßenkriminalität oder Sexualverbrechern? Oder an jene kleine Elite liberaler Juristen, die schon längst bei Grünen, FDP und SPD ihre politische Heimat gefunden haben?

Den Worten folgte sogleich eine erste Tat: die Abschaffung der Internetsperren für Kinderpornografie . Auch hier kümmerte die Union sich nicht um das Denken der Mehrheit, stattdessen orientierte sie sich an den Bedürfnissen einer internetlibertären Minderheit, die gewiss auch ihr Recht hat, aber wiederum bei anderen Parteien bereits genug Unterstützung findet.

Und nun das Desaster mit den Sexualstraftätern , die Woche für Woche aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden. Dass es dieses Problem geben würde, ist seit dem vergangenen Dezember bekannt. Aber wer hat sich darum gekümmert? Und wer, wenn nicht die Union, hätte hier an vorderster Front aktiv sein müssen? Formal ist der Strafvollzug Ländersache, politisch hätte die Bundesregierung sich der Gefahr annehmen müssen. Nun streitet die Koalition fröhlich vor sich hin, bis der erste Verbrecher rückfällig wird. Und dann?

Gerade eine offene, multikulturelle Gesellschaft braucht strenge Regeln

Es wäre falsch, diese merkwürdige Abkehr von der Inneren Sicherheit allein dem Schäuble-Nachfolger anzulasten. Wieso etwa ist Heinz Buschkowsky, der einzige bundesweit bekannte Kommunalpolitiker, der sich mit Strenge und zugleich mit Emphase der Kriminalität von Migranten widmet, in der SPD? Und wie, bitte schön, heißt noch gleich der bayerische Innenminister, der Mann also, der qua Funktion eigentlich mit harten Law-and-Order-Äußerungen regelmäßig die Republik erzittern lassen müsste?

Nein, es ist schon die Union insgesamt, die sich von einer Politik von Recht und Ordnung abgewandt hat und ihre angestammte Rolle im Parteienspektrum nicht mehr ausfüllt. Vielleicht liegt dem Ganzen eine gewisse Denkfaulheit zugrunde. Man hat halt gedacht, aha, wir sind auf einem Linkskurs, also müssen wir auf allen Feldern nach links gehen.

Gerade eine offene, multikulturelle Gesellschaft braucht strenge Regeln

Darin steckt aber ein Denkfehler, ein grüner, um genau zu sein. Die Grünen meinen bis heute, eine multikulturelle, offene Gesellschaft müsse auch bei der Inneren Sicherheit möglichst liberal sein. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade wer von Herzen die ethnische und kulturelle Vielgestaltigkeit dieses Landes bejaht und seine Offenheit begrüßt, der muss umso klarer und strenger darauf achten, dass die demokratischen und rechtlichen Spielregeln eingehalten werden. Law and Order ist nicht per se rechts oder konservativ, es steht nicht zwingend für Abwehr von Fremdem oder anderem. Es kann auch zu dessen Integration dienen.

Selbstverständlich muss immer wieder darüber gestritten werden, wo Sicherheit im Einzelnen Freiheit beschränken darf und wo nicht. Nur, wer streitet noch auf der Seite der Sicherheit, wer für die Ängstlichen, die Konservativen, die mutmaßliche Mehrheit, wenn sie der Union gleichgültig geworden ist?

Die CDU ist drauf und dran, den Platz rechts von sich selbst frei zu machen. Das ist, wie gesagt, bei manchen Themen unausweichlich, bei der Inneren Sicherheit ist es unnötig und demokratisch höchst riskant. In unseren europäischen Nachbarländern erstarken seit Jahren die rechtspopulistischen Kräfte. Bisher war Deutschland dagegen immun. Doch wenn die Union so weitermacht, dann entsteht ein Vakuum, das sich früher oder später füllen wird.

Niemand wünscht sich einen innenpolitischen Haudegen wie Manfred Kanther zurück, und nie wieder darf die Innere Sicherheit zur Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln werden. Doch so verhalten, wie Thomas de Maizière sein Amt derzeit ausfüllt – so geht es eben auch nicht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio