ZEITmagazin: Frau Wüchner, wir sitzen an der Côte d’Azur mit Blick auf einen Jachthafen – ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz für eine Kinderfrau. Können Sie das denn genießen, obwohl Sie sich immer um einen Säugling kümmern müssen?

Erika Wüchner: Ach, die Kleine, die ich gerade betreue, ist wirklich zauberhaft, und überhaupt kann ich die Annehmlichkeiten, die zu meinem Beruf gehören, auch nach 27 Jahren genießen.

ZEITmagazin: Sie sind gelernte Kinderkrankenschwester und helfen Eltern, die ein Baby bekommen haben, über die ersten harten Wochen und Monate. Das Besondere: Ihre Auftraggeber sind sehr wohlhabend und nehmen Sie in ihre hochherrschaftlichen Häuser auf. Was Ihre Klientel betrifft, ahnen wir: Sie werden keine Namen nennen...

Wüchner: Zu meinem Kapital zählt meine absolute Verschwiegenheit! Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Ich habe durchaus auch in Familien gearbeitet, die in einer Zweizimmerwohnung leben und bei denen ich auf dem Sofa geschlafen habe.

ZEITmagazin: Eine Mutter, bei der Sie im Einsatz waren, nennt ihren Namen freiwillig: Sandra Maischberger. In dem Vorwort zu Ihrem Buch "Die ersten 100 Tage mit dem Baby" schreibt sie eine Hymne auf Sie. Wo man auch hinhört, es wird geraunt: Frau Wüchner hat magische Fähigkeiten, sobald sie im Haus ist, herrscht Frieden.

Wüchner: Für mich sind das erst mal viele durchwachte Nächte, in denen ich viel Kaffee und Schokolade brauche. Und Augenringe gehören auch bei mir dazu.

ZEITmagazin: Sie können sich, anders als die Eltern, nie sagen: Das ist jetzt die erste schwierige Phase, das geht vorbei. Ist das nicht frustrierend?

Wüchner: Wissen Sie, wenn mich das Kind am Morgen anstrahlt, ist die Nacht vergessen. Je kleiner und zarter die Babys sind, desto mehr rühren sie mich. Und je anstrengender die Pflege, desto mehr hänge ich an ihnen. Am Anfang habe ich das selbst nicht verstanden, es ist wohl die besondere Nähe: Ich bin 24 Stunden mit diesen Winzlingen zusammen und erlebe, wie sie sich entwickeln.

ZEITmagazin: Janusz Korczak, der große Pädagoge, sagt, es seien die schlaflosen Nächte, in denen Mütter ihre Intuition entwickelten, die Bindung zum Kind. Darauf sollte man nicht verzichten.

Wüchner: Na ja, das ist schon Verklärung. Wenn eine Mutter nur ein Kind hat, geht das ja noch. Aber wenn sie mehrere Kinder hat oder bald in den Beruf zurückmuss, wird’s schwierig. Schlafentzug ist eine Foltermethode. 

ZEITmagazin: Eine gestresste Mutter, ein gestresster Vater helfen dem Kind nicht?

Wüchner: Nein, und wenn sich zwischen den Eltern Spannungen entwickeln, spürt das Baby das. Es wird unruhig, vielleicht entwickelt es sich sogar zu einem Schreikind. Das Problem ist oft, dass die Erwartungen gegenüber dem Partner extrem groß sind, von beiden Seiten. Die Mutter erwartet, dass der Vater übernimmt, wenn er nach Hause kommt, und der Vater erwartet, dass die Mutter es allein schafft. Häufig bleibt diese Diskrepanz aber unausgesprochen zwischen den Eltern.

ZEITmagazin: Sie plädieren dafür, dass die Partner vor der Geburt verabreden, wie sie damit umgehen.

Wüchner: Ja, ansonsten sind Enttäuschungen nicht zu vermeiden. Auch die Erwartungen an die Großeltern werden oft nicht erfüllt. Viele Großeltern leben heute nicht in der Nähe oder wollen ihre Unabhängigkeit genießen. Häufig werde ich von Großeltern engagiert, die ihren Kindern helfen möchten, aber sie können oder wollen es nicht selbst. Oft wollen sie sich auch nicht in das Familienleben ihrer Kinder drängen.

ZEITmagazin: Ist das nicht ein bisschen schade?

Wüchner: Sicher, andererseits: Eine erzwungene Hilfe ist ja auch nicht gut.

ZEITmagazin: Seit einem Vierteljahrhundert beobachten Sie das Werden von Familien – wie haben sich die Familien in der Zeit verändert?

Wüchner: Es gibt heute mehr Wunschkinder, deshalb haben Kinder eine größere Bedeutung als früher. Es gibt auch nicht mehr nur ein Familienideal. Es gibt die alleinerziehende, berufstätige Singlemutter, die Karrieremutter, die nicht berufstätige Mutter, die Patchworkfamilien...