Grau kann eine düstere Farbe sein, nicht umsonst wird ein Teil der Finanzbranche nach ihr benannt: der graue Kapitalmarkt. Ein Bereich, der komplett unreguliert ist, keiner Aufsicht unterliegt und in dem die Anbieter im Großen und Ganzen machen können, was sie wollen. Das nutzen vor allem einige geschlossene Fonds rege aus. Ändern soll dies das Anlegerschutzgesetz, das das Bundeskabinett eigentlich längst beschließen wollte. Wenn da nicht dieser Streit zwischen zwei Ministerien wäre. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will den Graumarkt stärker beaufsichtigen, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) blockt ab. Die Sache ist dramatisch, und den Schaden hat am Ende – der Anleger.

Am Graumarkt kursieren seriöse Finanzprodukte neben höchst gefährlichen. Beide in rauen Mengen: Rund zwei Millionen Bundesbürger haben 164 Milliarden Euro in geschlossenen Fonds investiert. Weil aber weder die Produkte noch deren Verkauf reguliert werden, wissen Anleger oft erst nach Jahren, welche davon gut und welche schlecht sind.

Folglich haben Sparer am Graumarkt bereits Milliarden verloren, mahnen Verbraucherschützer. Zum gleichen Schluss kam auch ein Gutachten im Auftrag des Verbraucherministeriums vom September 2008, in dem es heißt: "Der kaum regulierte Graue Kapitalmarkt ist ein Unikum, das in dieser Ausprägung in keinem anderen EU-Land existiert. Er ist geprägt durch Produkte mit hohen Risiken und durch eine Vielzahl von Missbräuchen. Wird dann noch mit dem Siegel Altersvorsorge geworben, sind hohe finanzielle Schäden für große Gruppen unbedarfter Anleger absehbar." Die Studie stuft die Hälfte der 373 Fondsinitiatoren im Graumarkt als unseriös ein.

In diesen halbseidenen Fonds steckt zwar nicht die Hälfte der Anlegergelder. Doch sind sie auch nur die Spitze des Eisberges, sagt Anlegeranwalt Peter Mattil, der als Sachverständiger am Gesetzgebungsverfahren beteiligt ist. Spektakuläre Fälle, bei denen als seriös geltende Fonds kollabierten, gab es reichlich. Zuletzt brachte der Zusammenbruch der Göttinger Gruppe 2007/08 rund 200.000 Kleinsparer um insgesamt eine Milliarde Euro. Bei den VIP Medienfonds geht es um 400 Millionen Euro. "Das sind aber nur die großen Namen", sagt Mattil, "es gibt jedes Jahr Dutzende von Fonds, von denen viele noch nie gehört haben, die alle floppen." Egal ob Private Equity, Flugzeuge, Schiffe, Immobilien oder Windparks – viele Beteiligungsfonds für Privatanleger seien in Schieflage, die guten eher die Ausnahme.

Müsste es da nicht im Interesse der Politik sein, den Geldvernichtern das Handwerk zu legen? Zumal die Fonds auch Steuersparmodelle sind. Im Gesetzentwurf des Finanzministeriums heißt es deshalb: "Auf den Graumarktbereich sollen zukünftig aufsichtsrechtliche Instrumente ausgedehnt werden, die im regulierten Bereich bereits Standard sind. Hierzu gehören das aufsichtsrechtliche Gebot, anlegergerecht zu beraten, Provisionen offenzulegen und über ein Beratungsgespräch ein Protokoll zu führen." Alternativen? "Keine".

Ansetzen soll das Gesetz bei den Vermittlern, die die Fonds wegen der hohen Provisionen oft ohne Rücksicht auf Verluste verkaufen. Und ohne zu erwähnen, dass geschlossene Fonds viel riskanter sind als normale Investmentfonds. Bei ihnen haftet der Sparer nämlich persönlich. Das Tückische ist die Nachschusspflicht: Geht ein Fonds pleite, droht dem Anleger, dass er für Schulden des Initiators aufkommen muss. Rechtsanwalt Mattil kämpft gerade für eine Klientin, die 30.000 Euro in einen Windpark investierte und nun drei Millionen Euro nachschießen soll. Keine Ausnahme, sagt er, und ein Grund, warum in anderen europäischen Ländern nur institutionelle Investoren wie Pensionsfonds oder Versicherungen in geschlossene Fonds investieren dürfen und keine Privatleute.

Schwachstellen räumt indirekt sogar ihr eigener Verband ein, der VGF, dessen Hauptgeschäftsführer Eric Romba bekräftigt: "Wir treten als Verband für eine Regulierung des Marktes ein, weil wir einen Nutzen darin sehen, die Qualität zu verbessern." In manchen Punkten fordert er noch viel mehr Kontrolle und wünscht sich "ein vernünftiges Anlegergesetz". Nur eben nicht das derzeit diskutierte. Deutlicher ist die Kritik des Vermittler-Verbands Votum, der die Pläne "falsch und ungeeignet", ja sogar "mittelstandsfeindlich" nennt, weil sie sich "aggressiv gegen die Berufsgruppe der selbstständigen Dienstleister" wendeten.