Vielleicht einige Äußerlichkeiten, zunächst. Das Interview findet auf dem Dach des Hotels Savoy in der Berliner Fasanenstraße statt, unten an der Rezeption durfte man nicht nach Franka Potente fragen, denn es darf keiner wissen, dass Franka Potente für eine Woche in Berlin ist. Sie lebt in den USA, hat eine Wohnung in Los Angeles und eine in New York. Tage vor dem Gespräch erreichen einen mehrere Anrufe von ihrem Management, man dürfe nichts Privates fragen. Auf die Antwort, man wolle gar nichts Privates fragen, heißt es, ob man das bitte schriftlich versichern könne.

Sie ist 36 Jahre alt und hat nicht mehr viel gemeinsam mit dem rothaarigen Mädchen aus Lola rennt, ihrem riesigen Kinoerfolg gleich zu Karrierebeginn, vor zwölf Jahren. Ganz schlicht formuliert: Aus dem Punk-Girl ist eine attraktive Frau geworden. Sie trinkt Espresso auf der Dachterrasse, sie raucht und trägt ein gelbes Sommerkleid. An ihren Armen sind beachtlich große Tattoos zu sehen, davon wird später noch die Rede sein. Sie sagt, sie habe erst auch Fotos in ihrem Buch haben wollen, doch der Verlag habe gemeint, nee, nee, lass das mal mit den Bildern. Deine Geschichten sind Literatur, die brauchen nichts dazu. Sie habe sich darüber sehr gefreut. Aber es fühle sich auch fremd an. Total fremd, sagt sie. Schriftstellerin Franka Potente? "Ich weiß nicht, ich bringe das nicht raus."

Man kann es also so sagen: Es treffen in der Person Franka Potente einige Welten aufeinander, und das könnte problematisch sein, gerade in Deutschland, wo man Welten gerne getrennt hält. Da ist Franka Potente, eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen, die mit Johnny Depp, Elijah Wood und Hugh Laurie (Dr. House) gedreht hat. Da ist aber auch Franka Potente, die öffentliche Unterhaltungsfigur, die immer wieder erzählen sollte, wie es war, Depp, Wood und Laurie geküsst zu haben, und von der jetzt gierig erwartet wird, sie solle jetzt endlich und möglichst genau aufklären, warum ihre angekündigte Hochzeit doch nichts wurde. Und dazu kommt jetzt noch die Autorin Franka Potente, die wieder auf eine neue Medienwelt treffen wird, die zwar nix von irgendwelchen Liebschaften wissen will, aber möglicherweise auch sonst nicht viel, weil das Urteil schon feststehen könnte. Ach, ein Buch hat sie geschrieben? Ach, süß. Na, dann lesen wir doch mal.

Wäre schade, wenn dieser Erzählband Zehn keine Chance bekäme. Denn, um es vorwegzunehmen, der Piper Verlag hatte recht, keinen schrillen Japan-Bildband zu machen, mit ein paar Geschichten, sondern auf diese Geschichten zu setzen. Es ist ein schönes Buch geworden, zehn Geschichten, die alle in Japan spielen, kleine und große Geschichten, ruhige Dramaturgie, sprachlich fast spartanisch erzählt. Die vielleicht schönste Geschichte handelt von dem kleinen, dünnen, alten Herrn Masamori, der angesichts des Todes einen Gefährten findet, André the Giant, einen weltbekannten Wrestler, einen Riesen, der dem kranken Mann im Traum erschienen ist und nicht mehr weggeht. Potente schreibt: "Es war dasselbe Krankenhaus, in dem Frau Masamori gestorben war... Dann wurde er geröntgt. Es war unendlich still. Da war nur die große, kalte Maschine im Raum, die so gefährlich war, dass die Schwester den Raum verließ. Die Wände waren schmucklos, es gab keine Fenster, ein seltsam einsamer Raum. Seine Frau hatte genau diese trostlosen Wände gesehen, bevor sie starb. Traurigkeit schnürte ihm den Hals zu. Wie ängstlich musste sie gewesen sein. Und wo war er gewesen? Die Bleiweste machte das Atmen schwer, und er fror auf der kalten Metallliege. Gerade als er das Gefühl hatte, aufspringen zu müssen, ergriff André seine Hand. Der Riese hatte ihn gefunden. Seine warme Hand strich leicht über Herrn Masamoris Arm. Erleichtert schloss Herr Masamori die Augen."

Warum ein alter Japaner und ein riesiger Wrestler? Potente sagt, schroffe Gegensätze hätten sie schon immer fasziniert. Sehr groß, sehr klein, sehr dick, sehr dünn, sehr traurig, sehr fröhlich. Sie habe schon öfter beobachtet, wie sich solche Kontraste auf merkwürdige Weise anziehen. "Darüber wollte ich schreiben. Und das ist ja das Tolle am Schreiben. Man macht es dann einfach."

Warum Japan? Man fühle sich so unendlich fremd da, sagt sie. Sie drehte in Tokyo einen Dokumentarfilm über Underground Art, sie reiste mehrfach durchs Land. Sie sagt, in Japan gehe es vor allem darum, was man nicht sage. In Japan möge man keine Erklärungen, in Japan möge man keine Fragen. Wenn sich einer auf einem Betriebsfest danebenbenehme, werde er sich auf keinen Fall am nächsten Tag entschuldigen, "man entschuldigt sich nicht. Entschuldigen macht alles noch schlimmer." In Japan liebt man Rituale, egal ob Banker oder Punk, sie verbeugen sich bei der Begrüßung, in den verschiedensten, genau geregelten Varianten. Potente sagt, sie sei in Tokyo tanzen gewesen, in einem schicken Club, und da hätten alle getanzt und alle in die gleiche Richtung geschaut, in Richtung des DJs. Gemeinsam in eine Richtung schauen ist für Japaner ein Zeugnis für ein besonderes Zugehörigkeitsgefühl. Japaner fassen sich nicht gerne an. "Ich habe mal in einem Gespräch einen Japaner öfters berührt, wie ich es halt öfters mache. Der war so irritiert, dass er immer wieder neu mit seinen Sätzen anfing. Als würde er jedes Mal erst seinen Computer wieder neu starten."

Noch heute hat sie das Gefühl, nicht verstanden zu werden

Franka Potente ist sehr genau, wenn sie von Japan erzählt. Und wenn sie über Japan schreibt. Sie schildert zum Beispiel das Unglück einer Ehefrau und Mutter im Grunde mit einer einzigen Szene, wie sie in der Küche raucht und den Rauch in die metallische Dunstabzugshaube über dem Herd bläst, damit der Rauch verschwindet. Und mit einem einzigen Satz: "Nach der Hochzeit stellte sie fest, dass der Mann nicht so lustig war, wie sie gedacht hatte, dann kam das Kind." 

Sie sagt, das Fühlen der eigenen Fremdheit mache einsam, aber auch sehr frei. Man sei nur noch der Beobachter, und auf diese Weise verabschiede man sich von dem Menschen, der man sonst sei.