So viel Zeit musste sein. Trotz aller Hektik rund um Karstadt schlug Nicolas Berggruen die Einladung zur Hippieparty nach Saint-Tropez nicht aus. Geladen hatte Andrea Dibelius. Sie ist die Ehefrau von Alexander Dibelius, der für die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs die Geschäfte in Deutschland führt.

Berggruen ließ sich – sichtlich entspannt – mit Fernanda Brandao ablichten, der Sängerin einer Latino-Popband. So weit, so spaßig. Was die Sache pikant macht: Alexander Dibelius und Nicolas Berggruen liegen im Clinch – geschäftlich. Berggruen will die insolvente Warenhauskette übernehmen und fordert empfindliche Opfer von den Vermietern der Karstadt-Immobilien. Und in deren Reihen spielt Dibelius eine wichtige Rolle. Die Verhandlungen um die Mietverträge ziehen sich schon wochenlang hin. Seit dem Beschluss des Amtsgerichts Essen am Dienstag, den Kontrahenten noch einmal mehr Zeit einzuräumen, ist klar: Das Gefeilsche geht weiter. Wer wird gewinnen?

Hinter den Kulissen verhandeln Anwälte der unterschiedlichsten Interessengruppen. Mit von dieser Partie sind Banken, Fondsmanager und andere Geldanleger. Neuerdings begab sich auch noch der italienische Unternehmer Maurizio Borletti in das Getümmel um den deutschen Kaufhauskonzern.

Für Berggruen ist der Fall Karstadt zum Abenteuer geworden. Sein Einsatz ist weit über das hinausgewachsen, was er sonst so tut: als Investor still die Fäden ziehen. So wussten bislang nur wenige, dass Berggruen in Deutschland längst aktiv ist. Rund 60 Immobilien besitzt er hierzulande. Dazu gehören Mietshäuser ebenso wie denkmalgeschützte Gewerbehöfe und Spezialitäten wie das Café Moskau in Berlin. Etwa 225 Millionen Euro hat sich Berggruen sein bisheriges Engagement kosten lassen.

Beharrlich und geschickt zu agieren, das ist – abgesehen von den Partybesuchen – seine Stärke. So gesehen müsste ihm der Fall Karstadt große Freude bereiten: Er hat sich als ziemlich verzwickt erwiesen. Berggruen muss als Betreiber der Kaufhäuser vor allem erreichen, dass sich die Mietkonditionen verbessern. Schließlich geht es um die Rettung von fast 60.000 Arbeitsplätzen, die bei Karstadt und den Zulieferern auf der Kippe stehen. Und darum, ob Berggruen seine gewieften und prominenten Verhandlungspartner übertrumpfen kann. Die verstehen es bestens, ihre Interessen zu wahren – und Berggruen zu torpedieren. Das kostet Zeit, viel mehr Zeit, als der smarte Investor ahnen konnte.

Ursprünglich wollte das Amtsgericht Essen, das über den Insolvenzplan befindet, die Akte bereits am 10. Juni schließen. Doch weil selbst bis heute noch nicht alle Bedingungen erfüllt sind, mussten die Richter nun die Frist zum vierten Mal verlängern. Jetzt hat Berggruen bis Anfang September Zeit, den Immobilienbesitzern neue Mietverträge abzuringen. Die wichtigste Rolle spielt dabei das Highstreet-Konsortium, dem 86 und damit die meisten Warenhausimmobilien gehören.

Man darf davon ausgehen, dass Berggruen von diesem Konsortium wusste. Was er aber offensichtlich unterschätzte, war dessen vertrackte und unübersichtliche Struktur. Die war seinerzeit entstanden, um den Kauf der Karstadt-Immobilien auf besonders elegante Weise zu finanzieren. Deshalb hat es Berggruen heute mit zig unterschiedlichen Geldgebern und ihren vielfältigen Einwänden zu tun. Das aber stellte sich erst im Zuge der Verhandlungen heraus.