Es ist schon unglaublich, wie viele wunderbar eigensinnige Schauspielerinnen das französische Kino in den letzten Jahren und Jahrzehnten auf die Leinwand gebracht hat. Sandrine Bonnaire, die sich stets ihre Vogelfreiheit bewahrt hat. Elodie Bouchez, immer irgendwie wild und verweht. Virginie Ledoyen, die naiv Durchtriebene. Und natürlich Sandrine Kiberlain, groß, zerbrechlich und giraffenhaft.

In Mademoiselle Chambon von Stéphane Brizé gibt es endlich ein Wiedersehen mit dieser Königin der Abwesenheit in der Anwesenheit. Schon in ihrer ersten Szene ist sie ganz da – und eben nicht: Als der Maurer Jean (Vincent Lindon) seinen Sohn von der Schule abholt, begegnet er im Klassenzimmer dessen Lehrerin Veronique Chambon (Kiberlain). Ihm den Rücken zugewandt, sitzt sie da auf einem Pult und summt versonnen vor sich hin. In dieser ersten Begegnung steckt bereits die seltsame Spannung und Verlegenheit, die dem ersten verliebten Blick vorausgeht. Verlieben wird sich Veronique in Jean, als dieser vor der Klasse von seiner Arbeit erzählt und mit fast zärtlichen Worten den Bau eines Hauses beschreibt. Verlieben wird sich Jean in Veronique, als sie ihm zum ersten Mal auf ihrer Geige vorspielt. Franz von Vecseys melancholische Melodie, die Jean noch im Auto auf dem Rückweg zu seiner Familie begleiten wird, verleiht dieser Geschichte ein unnötiges Kitschmoment.

Dabei ist im Spiel von Kiberlain und Lindon alles präsent: die Sehnsucht nach dem ganz anderen im anderen, die Mischung aus Begehren und verdrängender Vernunft und die Angst vor einem Gefühl, das scheinbar eingerichtete Existenzen erzittern lässt. Hier der Handwerker, der ein glückliches Leben mit Frau und Sohn führt. Dort die Lehrerin, die mit Vertretungsjobs der Sesshaftigkeit und vielleicht auch sich selbst entflieht. Ausgesprochen wird hier nicht mehr viel, weil Details und Gesten schon alles sagen: ihre Nervosität beim Korrigieren von Diktaten, während er im Nebenzimmer ein Fenster einbaut. Seine neugierigen Blicke auf ihre Bücher. Der erste Kuss, in dem schon das Verhängnis steckt.

Mademoiselle Chambon erzählt von einer schwierigen Liebe und von der Frage, was man für sie aufzugeben bereit wäre. Das ist nichts Neues und nicht einmal spektakulär inszeniert. Dafür erlebt man schönstes klassisches Schauspielerkino und einen Auftritt von Kiberlain, der so erschütternd ist, dass er eine Ytong-Wand zum Einstürzen bringen könnte.